Frage an Radio Yerevan: Ist Faulheit eine Krankheit?
By admin on Mar 3, 2010 | In News
Frage an Radio Yerevan: Ist Faulheit eine Krankheit? Antwort: Im Prinzip nein. Manchmal aber schon.
Landlaeufig betrachten wir ja Faulheit zumeinst argwoehnisch - wenn sie bei Anderen auftritt. Unsere eigene hingegen empfinden wir, wenngleich manchmal etwas verschaemt, zumindest als sinnvoll. Dabei muss man konstatieren, dass Faulheit sui generis ein zutiefst natuerliches, da oekonomisches Prinzip ist. Ja, sie ist geradezu der Motor der Evolution.
Jede lebende Entitaet dieser Welt muss oekonomisch mit der ihr zu Verfuegung stehenden Energie wirtschaften. Dies erklaert sich aus der simplen Tatsache, dass der Prozess der Energiegewinnung selbst aufwaendig ist; Es verbietet sich also, die muehevoll gewonnene Energie sinnlos zu verschwenden. Genaugenommen waere es sogar der Ausdruck einer evolutionaeren Disqualifikation oder eines Atavismus, wenn ein Lebewesen seine Energie zu mehr einsetzt, als es biologisch zweckmaessig ist.
Soweit, sogut. Allein, hier sollten wir geschwind betonen, dass der Begriff der Oekonomie relativistisch ist, d.h. ob ein Energieaufwand oekonomisch ist oder nicht, haengt eben nicht zuletzt vom angestrebten Resultat ab.
Bums - nach dieser kleinen Excursion haben wirs: Faulheit ist intelligent - vorausgesetzt, es gibt keinen guten Grund, kein Ziel, doch noch seine Leistung einzubringen. Ich weiss jetzt nicht, wie es Ihnen liebe Leser geht; Mir jedoch wuerden ad hoc viele gute Gruende einfallen, meine Leistung produktiv einzusetzen. Warum tut also jemand, der beispielsweise gerade mal die Grundsicherung erhaelt und arbeitsfaehig ist, nicht dasselbe, sondern gibt sich mit dem zufrieden, was er hat bzw. nicht hat?
Vom Standpunkt des Psychoanalytikers ist die Sache relativ klar: Zumeist duerfte hinter der expressiven Zufriedenheit [Identifikation mit dem Agressor] in realitas eine tiefgriefende Angst vor dem Scheitern - oder vor dem Erfolg - stecken. Gerade letzteres bedarf unserer genaueren Wuerdigung: Es gibt Menschen, welche an ihrem Erfolg scheitern.
Die Situation mag fuer den Laien auf den ersten Blick paradox erscheinen; Jemand sabotiert seinen eigenen Aufstieg. Die Gruende dafuer liegen in der oedipalen Phase, bei der das Kind lernt, sich von dem fruehkindlichen Elternbild nicht nur zu loesen, sondern auch besonders mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil in unmittelbare Konkurrenz zu treten. Da zu diesem Prozess eine gehoerige Portion an Agression unabdingbar ist, sind die damit unvermeidlich assoziierten Schuldgefuehle ebenso unumgaenglich.
Jeder von uns kann sich wohl an Situationen innerhalb unserer Adoleszenz erinnern, in der wir gegen unsere Eltern aufbegehrt haben, und in Folge dessen gleichzeitig oder retardiert ein nicht zu kleines schlechtes Gewissen entwickelten. Den meinsten von uns mag es dann gelungen sein, dieses Schulgefuehl - zumindest kurzzeitig - zu verdraengen oder auf andere bzw. die Eltern selbst zu projizieren. Gelingt dies jedoch nicht, etwa weil die Aggression oder das zensorische Ueber-Ich allzu dominant war, dann kann es eben passieren, dass die Aggression selbst verdraengt wird. Dann wird die Handlung, die eine Ueberfluegelung der Eltern zum Ergebnis haette, unmoeglich. Es versteht sich hierbei von selbst, dass auch die letzte Aussage insoweit relativ ist, als das Ubertrumpfen der Eltern wiederum in direktem Zusammenhang mit deren Status zu bewerten ist. Sind die Eltern selbst aus einer sozialschwaecheren Schicht, haengt die Messlatte entsprechend tief und konterkariert dem Kinde oftmals so gut wie jedes, noch so niedriges, Ziel und es disqualifiziert sich am Ende selbst. Im Ergebnis haben wir dann einen resignierten Erwachsenen, der gar nicht mehr die Moeglichkeit in Erwaegung zieht, durch eigene Arbeit etwas erreichen zu koennen.
Vereinfacht ausgedrueckt: Ein konstitutionell sensibles Kind mit ausgepraegtem oedipalen Schuldkomplex darf, wenn es aus einer sozialschwachen Familie stammt, gar keine Motivation zu hoeheren Lebenszielen entwickeln, um nicht in Konflikt mit der eignenen [verdraengten] Aggression gegen seine Eltern zu geraten. Das oftmals vorhandene, latent-aggressive Klima in solchen Familien [aus dem ebenfalls vorhandenen Schuldgefuehl der Eltern] leistet dem zusaetzlichen Vorschub. Das einzig moegliche Korrektiv koennten hier edukative Einrichtungen wie Kindergaerten, Schulen usw. leisten; Diesem sozial-supportiven Anspruch werden diese jedoch leider in praxi selten gerecht, und so bleibt deren Potential in der Regel ebenfalls ungenutzt. Vielmehr leisten diese Institutionen qua System oft selbst noch dem vorgesagten Prinzip Vorschub und deselektieren diese Kinder ebenfalls noch bevor sie ihre eigenen Staerken entwickeln und erkennen koennen. Die mannigfach erlittenen Frustationen induzieren fortlaufende Mikrotraumata und kumulieren sich im spaeteren Leben als Stoerung des eigenen Selbstbilds. Manchmal bricht das Kind nun kompensatorisch negativ aus und wird [manifest bzw. latent] zum Tyrann. Oder laeuft gar Amok. In den allermeisten Faellen jedoch identifiziert sich der Mensch schweigend-resignativ mit der ihm zugedachten Position und gibt jeden weiteren Versuch des positiven Ausbruchs auf.
In der Medizin kennen wir schon lange ein Aequivalent in Form der allseits bekannten Huehner-Starre: Man dreht das Huhn an den Fuessen haltend auf den Ruecken und fahre ihm mit dem Finger vom Hals her ueber den Bauch. Schlagartig verfaellt es in eine Katatonie, da es auf grund der fixierten Beine und der tunnelhaft fokussierten Aufmekrsamkeit gar nicht mehr die Chance wahrnimmt, entkommen zu koennen. Es hat sich schlicht mit der Aussichtslosigkeit der Situation abgefunden und beschliesst somit, sich totzustellen.
Das allerabsurdeste Phaenomen indes bleibt der geschickte Kunstgriff, mit dem die Kirche im 17. Jahrhundert begann, die consensus opinio im eignenen oekonomischen Sinne zu manipulieren - und noch nicht mal der gute alte Karl Marx hat es gemerkt: Arbeit wurde zum Inbegriff der Buegermoral. Die Auswirkungen dieses satanischen Aktes der Volksverarschung merken wir noch heute: Am Pranger stehen nur diejenigen, die nicht arbeiten - gleich, wie sozial sie sich sonst bewaehren. Interessanterweise wird demgegenueber dem Ein- oder Anderem auch gerne mal der Anus lingual poliert - solange Er/Sie/Es Inhaber einer Centurion-Card ist. Dabei ist es dann voellig einerlei, mit welcher Qualitaet von Arbeit das notwendige Einkommen erzielt wurde. Genau besehen, spielt es da nicht mal mehr eine Rolle, ob Derjenige ueberhaupt noch einer Arbeit nachght, da Kapital als Resultat von Arbeit weitlaeufig anerkannt wird. Wir haben es somit mit einer relativen Diskrepanz der objektiven Realitaet gegenueber dem gelehrten Postulat zu tun; Dies mag jedoch so gewollt sein, da aufgewandte Arbeit und erzilbares Salaer ohnehin kaum noch korrelieren.
So koennen wir nun unser evolutionaeres Modell praktischer Oekonomie vervollkommnen; Was sollten schliesslich die intelligent-faulen Genies auch tun ohne die vielen suggestiv-dummen Fleissarbeiter?!
Militem aut monachum facit desperatio.
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