Frage an Radio Yerevan: Was hat eigentlich Pandora mit der Buechse zu tun?
By admin on Feb 1, 2010 | In News, Politik, Wirtschaft
Frage an Radio Yerevan: Was hat eigentlich Pandora mit der Buechse zu tun? Antwort: Im Prinzip nichts. Aber eigentlich Alles.
Meine Frau war schuld. Eigentlich wollte ich gar nicht ins Kino gehen. Allein, ich entschloss mich, ihr den Gefallen zu tun; Zugegeben mit der mir eigenen, eher konservativ maessigen Erwartungshaltung. Doch dann wurde ich positiv enttaeuscht: Der begnadete Director und Writer, der zugleich studierter Physiker und Philosoph ist, James Cameron, hat mit diesem Film fuer wahr die Buechse der Pandora aufgemacht. Zum Einen, weil Cameron - nachdem er ueber fuenfzehn Jahre mangels adaequater Virtualisierungstechnologien auf die Realisation seines Storybooks warten musste - audiovisuell mit seiner neuartigen 'Motion Capture' Technologie ein dreidimensionales Erlebnisfeuerwerk geschaffen hat, welches weniger ein Kinobesuch denn vielmehr eine aeusserst detailgetreue und massstabsgetreue Reise in eine phantastische andere Realitaet geworden ist, bei der sogar die von dem Linguistic Professor Paul Frommer eigens fuer Cameron entwickelte Sprache der Na'vi erlernbar ist. Danach erscheint Einem zwangslaeufig jeder andere Film als langweiliger Pausenfueller-Kompromiss. Bestenfalls. Und dies nicht, weil 'Avatar' ein hervorrangender Science Fiction ist, sondern trotz.
Dabei mag es paradox anmuten: Obwohl jede Menge Special Effects, Virtual Reality und CGI zum Zuge kommen, beschraenkt sie Cameron auf das Minimum, welches gerade von Noeten ist, um den Zuschauer die Geschichte von Revolution, Liebe und Erloesung erleben zu lassen. Wo es einem guten Director fuer gewoehnlich gelingt, den 'Unglauben des Zuschauers fuer die Dauer des Films zu supendieren', kehrt Cameron die Sache kurzerhand um: Der Glauben wird hinterher auf die Probe gestellt - ist Pandora wirklich nur virtuell?
Wer sich hier nun auf die gern zitierte Kritik zu berufen versucht, die Story sei zu schlicht, der uebersieht geflisssentlich, dass sich gerade in der Einfachheit zumeist die Wahrheit [der Seele] verbirgt. Simplex sigillum veri.
Zum Anderen hat Cameron, indem er unseren Blick auf die ferne Zukunft richtet, der Menschheit zugleich auf einmalige Art und Weise den haesslichen Spiegel ihrer Vergangenheit vorgehalten: Das Schicksal des Planeten Pandora ist zugleich eine Remineszenz an das Schicksal der gerade vergehenden Erde. Wie die sprichwoertlichen Heuschrecken aus der Bibel zieht der Homo Sapiens ganz seiner ihm eigenen Tradition gemaess weiter und sucht sich den naechsten Planeten zur Occupation, Ausbeutung und Zerstoerung. Wenn es wie immer was zu holen gibt und das grosse Business winkt; Wen hindern da ein paar dumme Na'vi, die zufaellig dort zuhause sind?!
Wie sich die Geschichte doch wiederholt: Von den Indianern an hat der Mensch nicht davor zurueckgeschreckt, selbst seine eigene Species schonungslos auszurotten. Notfalls unter Anwendung einer kruden Umdeutung des Mensch-Begriffs mithilfe einer konstruierten Religion.
Dabei wirkt die traumhaft schoene und farbenfrohe Welt Pandoras wie eine dialektische Antipode unserer inzwischen grauen und farblosen Erde. Da ist es wohl eher kein Zufall, dass die Navi blau sind. Das Symbol der Romatik schlechthin. In der 'Blauen Blume' [Novalis] verbinden sich nicht nur Natur, Mensch und Geist; Sie symbolisiert das Streben nach der Erkenntnis der Natur und, daraus folgend, auch des meschlichen Selbst.
Erinnern wir uns: Die Romantik erweitert den humanistisch bzw. aufklarerischen 'Mensch' Begriff: Sie uebergewichtet das Gefuehl in den Gedanken. Sie geht von einer Form des Denkens aus, die eher vom persoenlichen Lieben und den persoenlichen Gefuehlen abhaengig ist, denn von abstrakter Theorie. Nicht umsonst basiert das Denken als theoretischer Begriff in der Romantik auf der persoenlichen Liebe.
Somit repraesentiert die Blaue Blume das Streben nach der Erkenntnis [...] des Selbst. Das Selbst, also mein Fuehlen, mein Denken und das, worueber ich nachdenke, ist mehr als mein rationales Ich. Das Selbst ist hier als Ergebnis meines eigenen Erkenntnisvorganges deklariert. Es wird so zu einem allumfassenden Konzept. Erstens: Der, der ueber mich nachdenkt. Zweitens: Der, der fuehlt, und ueber dessen Gefuehle bzw. Gedanken nachgedacht wird. Und last but not least: Das Resultat meines Nachdenken. Eine Art hoeheres Selbst, welches sich erkannt hat. Mit dem Begriff des Erkennens sind wir dann wieder bei der Liebe:
Wenn in der Bibel 'ein Weib erkannt' wird, dann handelt es sich um eine diskrete Umschreibung fuer Sex - selbstverstaendlich auf der Basis Liebe. Erkenntnis der Natur findet statt, indem ich die Liebe in all ihren Erscheinungsformen durchlebe. Dann habe ich die Natur erkannt. Und folglich auch mein Selbst. Das sind die Grundgedanken der Romantik, die im Symbol der Blauen Blume zusammengefasst werden. Die Kohaerenz dieses Motivs stellt Cameron konsequenterweise selbst in dem von Leona Lewis so traumhaft interpretierten Titelsong sicher: 'I see me through your eyes'. Wir sind Beides: Die Na'vi. Und deren Moerder. Das relativiert schlussendlich auch die Definition 'Mensch'.
Zum Glueck laesst Camerons Avatar Held Jake uns nicht in der depressiven Erkenntnis dieser Tatsache zurueck: Von der Liebe zu seiner Neytiri getrieben, entdeckt Jake schliesslich die Wahrheit und findet zu sich selbst zurueck. Die absolute Liebe als spirituelle Gemeinsamkeit ueberwindet den Rassismus. Wie symbolisch, dass er um die Freiheit seines neuen Leben geniessen zu koennen, seinen alten gehandicapten Koerper zuruecklassen muss. Dazu muss Jake wie ein Kind alles neu erlernen. Stueck fuer Stueck beginnt er sein Alter Ego, seinen Avatar, als einen Teil seiner selbst zu schaetzen. Er begreift auch, dass das Tier, welches ihm am gefaehrlichsten ist und ihn toeten will, zugleich sein staerkster Gefaehrte werden kann. Wenn er nur die Herausforderung annimmt, sich seiner Angst stellt und es ihm gelingt, jene spirituelle Verbindung [Tsahaylu] zu etablieren. Achtung und Respekt vor der faszinierenden, schier unerschoepflichen Artenvielfalt und Leben wie Tod eines jeden Lebewesen. Und das alle Enegie nur geliehen ist und man sie am Ende eventuell zurueckgeben muss. Darueber vergessen die Na'vi niemals, wie zutiefst traurig jedes Sterben stets bleiben wird.
Zum Schluss braucht Jake Sully weder Rollstuhl noch Atemmaske und fliegt zusammen mit seiner Neytiri auf ihren Banshees [Ikranen] in den Sonnenuntergang. Der hoechstmoegliche Grad der Freiheit schlechthin. Und Erloesung.
Ohne Frage: James Cameron ist mit 'Avatar - Aufbruch nach Pandora' ein grossartiges Epos gelungen, das seinesgleichen lange vergeblich suchen wird und welches just diese Emotion transportieren kann, das selbst George Lukas in 'Star Wars' vermissen liess. Dieses Quaentchen zeichnet sich dann dafuer verantwortlich, dass man vergisst, im Kino zu sitzen und am Schluss mit dem Gefuehl nachhause geht, eine andere Dimension besucht zu haben. Und wie jede echte Excursion immer auch das eigene Leben modifiziert, ist man am Ende ein bisschen ein anderer Mensch geworden. Die neugeschoepfte Hoffnung ist dabei der groesste Gewinn.
Das erste und wohl einzige Mal spreche ich hier eine direkte und sehr persoenliche Empfehlung aus. Von ganzem Herzen rate ich jedem, der sich noch einen Rest Phantasie und Liebe im Herzen bewahrt hat: Gehen Sie ins Kino; Auch, wenn Sie es gewoehnlich nicht tun. Treten sie diese Reise ins Paradies an, in eine Welt, in der James Cameron C.G. Jungs kollektives Unbewusste in das faszinierende Bild eines leuchtenden neuronalen Netzwerks aller Lebewesen transcribiert und den Baum-Archetypus als Sinnbild der immerwaehrenden Erneuerung und des ewigen Lebens im 'Baum der Seelen' [Utral Aymokriyä] materialisiert. Dorthin, wo die grosse Mutter [Eywa] ueber aller Schicksal wacht und die Liebe als ein mystisches Band [Tsahaylu] unsterblich ist.
Vergessen Sie einen Moment die Schrecken des Alltags. Tauchen Sie ein in diese unvergleich beruehrende Odyssee, die gleichermassen in die Tiefen des fremdesten, wie des ureigensten Universums fuehrt. Wo Grenzen verschwimmen und Traum und Realitaet bereitwillig ihre Plaetze tauschen. Danach wird Ihr Leben nicht mehr dasselbe sein; Wie dieser Film ueberhaupt in total die ganze Welt veraendert. Ob mit Ihren Liebsten oder zur Not auch Allein: Sie werden es nicht bereuen.
Oél ngáti kámeie [Na'vi fuer 'Ich sehe Dich']
Ubi bene, ibi patria.
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