Frage an Radio Yerevan: Kann eigentlich jeder Kanzler?
By admin on Jun 19, 2009 | In News, Politik, Wirtschaft, Humor
Frage an Radio Yerevan: Kann eigentlich jeder Kanzler? Antwort: Im Prinzip nein. Aber nehmen Sie den Menschen doch nicht ihre Illusionen.
Eigentlich hat die Sendung 'Ich kann Kanzler', die ich im uebrigen fuer einen sehr gelungenen Ansatz erachtete, auf mich eine aehnliche Wirkung gehabt wie Alkohol: Die erwartungsschwangere Vorfreude war gross, je laenger die Nacht dauerte, desto lustiger erlebte ich die Protagonisten. Und am Ende war ich desillusioniert und hatte Kopfschmerzen. Unendliche Leere. Mir ist schlecht.
Es waren gute Leute dabei. Und lauter alte neue Ideen. Und mit jedem hochmotivierten Redner, duenkte es mir mehr und mehr, dass sich die Politik sui generis nie aendern wird. NIEMALS. Und speziell mit Blick auf unser gerade 60 Jahre gewordenes demokratisches System moechte ich hinzufuegen: GOTTSEIDANK!?
Die vielleicht deprimierndesten Erkenntnisse an der Sache sind:
1. Jeder haelt sich fuer befaehigt fuer das - zumindest ex cathedra - verantwortungsvollste Amt.
Was fuer eine gefaehrliche Illusion. Gerade die, die sich selbst eine Befaehigung attestieren, sollten wir am schaerftsen meiden. Denn wer glaubt, jemand zu sein, hat aufgehoert, etwas zu werden. Das ist ueberhaupt das paradoxe Dilemma: Man moechte meinen, Jemand, der die Hybris besitzt, sich die Verantwortung des Amtes ueberhaupt zuzutrauen, verliert alleine schon dadurch jedwelche Reputation, da ihm die notwendige Demut hinsichtlich der ernormen Herausforderung des Amtes entbehrt.
2. Fast jeder fordert mehr Demokratie in Form von aktiver Mitbestimmung.
Wie ich an anderer Stelle vor laengerer Zeit bereits ausgefuehrt habe: Jede Entscheidung kann nur so gut sein, wie die ihr zugrundeliegende Information. Ferner diktieren die Interessen des Probanden den Ausgang. Und die charakterlichen Eignung.
3. Manche forderten mehr Konsens und Einigkeit unter den Parteien, ggf. sogar eine Koalition aus allen Parteien.
Klingt gut. Hat leider einen Haken: Die Interessen der Menschen sind verschieden. Und explicite auch Minderheiten muessen eine Stimme haben, die sich ggf. nicht mit dem consensus omnium deckt. Das Rechtssystem erfordert Pluralitaet. Auch die Majoritaet kann erheblich in die Irre laufen und bedarf dann eines Korrektivs. Unter bestimmten Umstaenden kann sogar die friedliche Mehrheit sich in einen blutruenstigen Poebel verwandeln.
4. Die, die (noch) Geld verdienen, wollen an den Sozialkassen kuerzen. Und die, die darauf angewiesen sind, wollen das Gegenteil.
In Wahrheit ist es Neid, der beide Seiten bestimmt. Die Einen sind neidisch auf den Job und die Postition der Anderen. Waehrend die Anderen den Einen die Freizeit und das 'Geld ohne Gegenleistung' veruebeln. Besser sind sie beide nicht. Und noch weniger objektiv.
5. Mehr soziale Gerechtigkeit.
Ohh supi. Leider lebt unser System gerade von einer gewissen Imbalance. Viele Menschen leben von HartzIV. Allerdings kann man es auch umdrehen: Sie bekommen Geld dafuer, dass sie Jemand anderem ihren Arbeitsplatz zu Verfuegung stellen bzw. damals zugunsten eines Anderen auf die Bestzung eines Studienplatzes verzichtet haben. Andererseits gibt es auch viele Menschen, die ihre zugestandenen Rechte auf Sozialleistungen, sei es aus Scham oder Angst, nicht in Anspruch nehmen. Nicht zu vergessen: Ein Gutteil gesellschaftlich relevanter Funktionen werden mit ehrenamtlichen Mitgliedern gefuellt. Strenggenommen ein sozial akzeptiertes Schmarotzertum der Gesellschaft am Individuum. 'Gerechtigkeit' kommt eben auch von Rache.
6. Alle wollen 'die Wirtschaft ankurbeln' und Jobs schaffen.
Toll. Leider auch nix neues. Zumal in einem Land, in dem auf Grund der gewachsenen Struktur die Loehne notwerdigerweise im oberen Drittel siedeln und das im Wettbewerb mit Billiglohnlaendern steht. Vollbeschaeftigung ginge nur bei Absenkung des Lohnniveaus. Das aber wollen wir doch nicht. Jedenfalls nicht in dem Job, den wir selbst inne haben.
7. Fast alle forden mehr Solidaritaet.
Feine Sache das. Bloss: Solidaritaet mit wem? Beispiel Nokia: Warum sind wir eigentlich nicht auch solidarisch mit den Arbeitern in Rumaeninen? In der Welt gaebe es sehr viele Plaetze, mit denen wir solidarisch sein sollten und ihnen ein wenig von unserem Reichtum abtreten. Dummerweise benoetigt Solidaritaet auch die Faehigkeit zu teilen. Das aber wollen die Allerwenigsten.
8. Dann hatte noch Jemand eine starke Regierung mittels Experten gefordert.
Uiii prima. Und was passiert, wenn lauter Spezialisten am Ende den Sinn fuer das grosse Ganze aus den Augen verlieren? Zumal wohl weniger Experten in der jeweiligen Regierung verfuegbar sein duerften, als benoetigt. Soll man dann Einen aus der Opposition nehmen? Damit wuerde das parlamentarische System als Solches in Frage gestellt. Rufen wir uns einmal in Erinnerung: Die Zusammensetzung von Bundestag und Bundesrat wurde ja nicht von ungefaehr exakt so im Grundgesetz festgeschrieben.
9. Wir brauchen mehr Selbstverantwortung.
Natuerlich. Jedoch, um Verantwortung ausueben zu koennen, brauchen wir Freiheit. Man kann keine Selbstverantwortung von Jemanden fordern, wenn man ihm nicht gleichzeitig entsprechende Moeglichkeiten zu Verfuegung stellt. Wie will sich Einer selbststaendig machen koennen, wenn ihm niemand einen Kredit gewaehrt. Und wie will ein Kind studieren, wenn es schon mit 10 Jahren unerbittlich selektiert wird. Wir haben unser Selbstvertrauen vor langer Zeit schon verlernt. Deutschland ist nicht das Land der Freiheit. Und war es auch niemals. Deshalb sind auch so viele in die USA emigriert.
10. Studiengebuehren sind unsozial.
Das Gegenteil ist der Fall. Warum muss ein Arbeiter mit seinem mageren Monatsgehalt die Bildung der Kinder des Managers finanzieren, der hundermal mehr verdient? Wichtig ist vielmehr ein sozialer Ausgleich, dessen Programme die Finanzierung der Bildung fuer Sozialschwache sicherstellen. Bei der heutigen Situation, in der ueberwiegend Akademiker-Kinder studieren, ist eine Freistellung sui generis absurd. Genauso wie ein gleichhohes Kindergeld ohne Ansehen des elterlichen Einkommens.
11. Politiker sollen naeher am Volk sein.
Klassischer Denkfehler. Schon das Wort 'Naehe' stellt eine Unterscheidung zwischen 'Denen' und 'Wir' her. Richtig ist, Politiker sind in einer Demokratie qua definitionem Abgesandte und Repraesentanten. Sie sind das Volk, wie jeder einzelne Buerger Politiker ist; Selbst ohne zur Wahl zu gehen, votiert er implicite.
12. Leistung muss sich wieder lohnen.
Richtig. In der freien Wirtschaft sollte das so sein. Allein, das hiesse vorallem Chancengleichheit unter allen Partizipanten; Unmoeglich inmitten der organisieren Lobbyisten. Der Staat jedoch ist keine Wirtschaftsbetrieb, sondern eine Solidargemeinschaft ALLER Buerger - zwar ohne Ansehen der Person. Somit geht es auch bei den Sozialleistungen nicht um 'wer leistet wieviel', sondern nur um den Ausgleich bereits vorhandener Defizite. Wer heute Sozailleistungen bekommt, erhaelt eben auch eine Kompensation fuer die entgangenen Chancen. Analog uebrigens zu einer Versicherungsgesellschaft: Wenn Jemandem sein Haus abbrennt und er daraufhin entschaedigt wird, ist das ja auch weniger Privilleg als Compensation fuer einen erlittenen Verlust. Die Argumentation 'ich habe eingezahlt, also steht mir auch eine Rendite zu, gilt so nicht. Denn jeder Beitragszahler erhaelt in Wirklichkeit etwas zurueck - und zwar einen immatriellen Wert: Die Sicherheit, im Falle eines Falles von der Solidargemeinschaft nicht alleingelassen zu werden!
13. Wir zahlen zuviel Steuern.
Hier werden meistens die prozentualen Anteile bezogen auf das Einkommen angefuehrt. Nur werden dabei ein paar Punkte gerne vergessen:
Das Einkommen in Deutschland ist sehr viel hoeher als in vielen anderen Laendern. Selbst unter Beruecksichtigung der Lebenshaltungskosten arbeitet ein Angestellter in Deutschland fuer seine Anschaffungen sehr viel kuerzer als anderswo. Zusaetzlich erhaelt er fuer seine Steuern Gegenleistungen: Sozialleistungen im Bedarfsfalle; Bildung; Legislativ wie executiv eine gewisse Grundsicherheit (Polizei kommt, wenn man sie braucht und man kann zumindest einen Rechtsweg beschreiten), Gesundheitssystem. Bei allen - auch gerade von mir - staendig monierten Schwachpunkten: Das ist mehr, als viele Menschen auf der Welt jemals haben werden. Wer es nicht glaubt, mag einmal in Yerevan als Verkaeuferin oder auch Akademiker arbeiten: Erstere verdient ca. 40 US-$; Letzterer vielleicht deren 100. Beiden gemeinsam ist, dass viele Dinge 1:1 genauso teuer sind, wie hier und somit ein Monatslohn auch relativ viel weniger Kaufkraft hat. Ausserdem fehlt die Sicherheit voellig. Wer nicht genug Geld fuer den Arzt hat, muss eben sterben. Analoges kann man aus vielen Laendern dieser Welt berichten.
Hinzukommend: Wenn Jemand hier ein Einkommen erzielt, so tut er dies auch auf Grund der vorhandenen Infrastruktur. Wie ich schoneinmal bemerkte: Auch sogenannte 'Selfmademen' wie Dieter Bohlen und Michael Schumacher haben ihren Erfolg auch und gerade mithilfe der Gesellschaft erzielen koennen, in der sie leben. Es sind die Fans, die das Geld in die Kassen spuelen. Und ich bezweifle stark, dass dieselbe Karriere in Afrika moeglich gewesen waere.
14. Gerechtigkeit.
Was fuer ein gefluegeltes Wort. Auch hier duerfen wir jedoch unsere Zweifel anmelden, ob diese wirklich gewuenscht ist - oder zumindest, ob sie von allen Seiten gleichartig interpretiert wird:
Als Ferry Porsche zu Anfang beschloss, Angestellte wie Arbeiter gemaess seiner sozialen Grundhaltung gleichzustellen und daher Krankengeld auch an letztere vom ersten Tag an zu bezahlen, erhielt er Besuch vom Betriebsrat der Angestellten, der wissen wollte, was diese denn nun Extra erhalten wuerden. Eine aehnliche Situation wiederholte sich, als Ferry Porsche beschloss, bei einem Streik auch den nicht in einer Gewerkschaft organisierten Arbeitnehmer gleichermassen den Lohn fortzuzahlen. Die Gewerkschaft verklagte ihn darauf. Wer jetzt noch glaubt, es ginge uns in Deutschland um Gerechtigkeit fuer ALLE MENSCHEN hat das System des Lobbyismus nicht verstanden.
15. Wir brauchen einen Reformpolitiker.
Das ist korrekt. Leider wird es jedoch missverstanden. Wenn Du Leute von Reformen sprechen, so meinen sie im Grunde genommen nur die Konservation des Vorhandenen. Fakt ist, wir - und damit meine ich die ganze westliche Welt - haben in den vergangenen Jahren einen gigantischen Wohlstand aufgebaut, der uns ein Leben auf sehr hohem Niveau gestattet. So hoch, dass wir uns scheinbar sogar gestatten koennen, Lebensmittel und Dinge wegzuwerfen, die anderswo noch gebraucht wuerden.
Ueber eine Milliarde Menschen leben in absoluter Armut, weltweit hungern 930 Millionen Menschen. Wuerden diese nun schlagartig ihren legitimen Anspruch auf denselben Lebensstandert ausueben, so muss es zwangslaeufig zu einer gewissen Umverteilung kommen. Das bedeutet jedoch Verzicht fuer die Hochstandertlaender. Zum Beispiel Pharamfirmen muessten auf Patentgebuehren fuer ihre Medikamente verzichten, die sie nur deshalb hier ueberteuert verkaufen koennen, weil unser Gesundheitssystem auf sehr hohe Betraege zurueckgreifen kann. Ausserdem erkennen wir schon heute im Billiglohnsektor, dass es mehr und mehr zu einem Konkurrenzkampf zwischen den Nationen kommt, wenn wir nicht freiwillig einen Teil unserer Einkunftsmoeglichkeiten abtreten. Das wiederum spuert der Nokia, Opel und Arcandor-Arbeiter hier. Deshalb wollen wir im Grunde gar keine Reformen. Jedenfalls keine, die unser eigenes privates Leben tangieren.
16. Rueckbesinnung auf alte Werte.
tjaa, hoert sich gut an. Aber, was sind denn 'alte Werte' eigentlich? Natuerlich gab es frueher ein paar grundlegende Dinge, wie etwa, dass die Menschen die Bedeutung des 'Bitte' und 'Danke' zu schaetzen wussten. Und auch die Jugendlichen sind im Bus fuer aeltere Personen aufgestanden (tun sie in Yerevan heute noch). Auch ein Handschlag bedeutete noch Etwas. Allein, mir sind auch heute noch Menschen bekannt, die nicht nur davon reden, sondern auch danach handeln. Und ausserdem: Seit Helmut Kohl sollte uns der Konflikt zwischen Ehrenwort und sozialer Verantwortung hinsichtlich einfacher Antworten gegenwaertig sein.
17. Wir brauchen einen Realpolitiker, der seine Wahlversprechen haelt.
Vielleicht so, wie Barack Obama? Die vielleicht traurigste aller Erkenntnisse ereilt uns denn auch freilich nach gruendlicher Analyse der Gegebenheiten: Entweder, die Ideen sind schoen praktisch aber leider unpopulaer, dann werden die Kandidaten gar nicht erst gewaehlt. Oder es werden die ueblichen ach-so-schoenen Phrasen gedrescht. Dann duerfte der Proband zwar Karriere machen, aber spaetestens bei Erreichen seiner restrebten Position recht hart auf den Boden der Realitaet aufschlagen. Die Ent-Taeuschung des Waehlers ist bei dieser Strategie daher ebenso eskomptiert.
An einem aktuellen Beipiel von Barack Obama laesst sich triftig illustrieren, wo die Diskrepanz zwischen Ideal- und Realpolitik liegt:
Im ersten Weltkrieg, 1915, waren bei den Massakern im Osmanischen Reich mehr als 1,5 Millionen Armenier ums Leben gekommen. Uruguay war das erste Land, das 1965 das Geschehen im Osmanischen Reich als Genozid anerkannt hatte. Darauf folgten Russland, Frankreich, Italien, Deutschland, die Niederlande, Belgien, Polen, Litauen, die Slowakei, Schweden, die Schweiz, Griechenland, Zypern, der Libanon, Kanada, Venezuela, Argentinien und 42 US-Bundesstaaten. Der Voelkermord wurde ach vom Vatikan, dem Europaparlament und dem Weltkirchenrat anerkannt.
Noch als Praesidentschaftskandidat war sich Obama der sich der Evidenz der armenischstaemmigen US-Waehler durchaus bewusst. Er sprach in seiner Kampagne offen von Genozid und kuendigte an, diesen nach seiner Ernennung zum Praesidenten auch offiziell als solchen anzuerkennen. Bisherige US-Praesidenten sind, mit Ausnahme von Ronald Reagen, vor diesem Schritt immer zurueckgeschreckt. Sie fuerchteten die Spannungen mit dem wichtigen Nato- bzw. Buendnis-Partner Tuerkei. Doch Obama bekraeftigte, dass an seiner Meinung ueber die Ereignisse des Jahres 1915 sich nichts mehr aendern koenne. Er versprach, den Genozid coram populo auch als solchen beim Namen zu nennen.
Originalton Obama:
'I also share with Armenian Americans – so many of whom are descended from genocide survivors - a principled commitment to commemorating and ending genocide. That starts with acknowledging the tragic instances of genocide in world history. As a U.S. Senator, I have stood with the Armenian American community in calling for Turkey's acknowledgement of the Armenian Genocide. Two years ago, I criticized the Secretary of State for the firing of U.S. Ambassador to Armenia, John Evans, after he properly used the term 'genocide' to describe Turkey's slaughter of thousands of Armenians starting in 1915. I shared with Secretary Rice my firmly held conviction that the Armenian Genocide is not an allegation, a personal opinion, or a point of view, but rather a widely documented fact supported by an overwhelming body of historical evidence. The facts are undeniable. An official policy that calls on diplomats to distort the historical facts is an untenable policy. As a senator, I strongly support passage of the Armenian Genocide Resolution (H.Res.106 and S.Res.106), and as President I will recognize the Armenian Genocide.
Genocide, sadly, persists to this day, and threatens our common security and common humanity. Tragically, we are witnessing in Sudan many of the same brutal tactics - displacement, starvation, and mass slaughter - that were used by the Ottoman authorities against defenseless Armenians back in 1915. I have visited Darfurian refugee camps, pushed for the deployment of a robust multinational force for Darfur, and urged divestment from companies doing business in Sudan. America deserves a leader who speaks truthfully about the Armenian Genocide and responds forcefully to all genocides. I intend to be that President.'
Am 24.April 2009, hatte Obama, nun ex officio in der Rolle des Praesidenten, dann eine Erklaerung anlaesslich des Gendenktages fuer die Opfer des Genozids an den Armeniern im Osmanischen Reich anno 1915 abgegeben. In seiner Rede hatte er aber kein einziges Mal das verflixte 'G-Wort' gebraucht und somit sein Wahlversprechen verletzt. Stattdessen stellte er - wie auch schon beim Tuerkey-Besuch nach dem Nato-Gipfel vom 06. April 2009 - auf eine pragmatisch-zukunftsorientierte Politik ab, die die Vergangenheit nicht als Hindernis haben sollte.
Hier die signifikante Stelle des Originalwortlaut:
'This morning I had the great privilege of visiting the tomb of your extraordinary founder of your republic. And I was deeply impressed by this beautiful memorial to a man who did so much to shape the course of history. But it is also clear that the greatest monument to Ataturk's life is not something that can be cast in stone and marble. His greatest legacy is Turkey's strong, vibrant, secular democracy, and that is the work that this assembly carries on today.
This future was not easily assured, it was not guaranteed. At the end of World War I, Turkey could have succumbed to the foreign powers that were trying to claim its territory, or sought to restore an ancient empire. But Turkey chose a different future. You freed yourself from foreign control, and you founded a republic that commands the respect of the United States and the wider world.
And there is a simple truth to this story: Turkey's democracy is your own achievement. It was not forced upon you by any outside power, nor did it come without struggle and sacrifice. Turkey draws strength from both the successes of the past, and from the efforts of each generation of Turks that makes new progress for your people.
Human endeavor is by its nature imperfect. History is often tragic, but unresolved, it can be a heavy weight. Each country must work through its past. And reckoning with the past can help us seize a better future. I know there's strong views in this chamber about the terrible events of 1915. And while there's been a good deal of commentary about my views, it's really about how the Turkish and Armenian people deal with the past. And the best way forward for the Turkish and Armenian people is a process that works through the past in a way that is honest, open and constructive.
We've already seen historic and courageous steps taken by Turkish and Armenian leaders. These contacts hold out the promise of a new day. An open border would return the Turkish and Armenian people to a peaceful and prosperous coexistence that would serve both of your nations. So I want you to know that the United States strongly supports the full normalization of relations between Turkey and Armenia. It is a cause worth working towards.'
Pikantes Detail am Rande: Obama brillierte bereits einmal in der Kampagne mit einem historisch unscharfen Fauxpas: Der damalige Senator aus Illinois verwechselte die NS-Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald. So erinnerte Obama am Vortag in einer Rede anlaesslich des Gedenktags fuer die gefallenen US-Soldaten am Montag an einen seiner Grossonkel muetterlicherseits , der am 05. April 1945 an der Befreiung von Auschwitz beteiligt gewesen sei. Obamas Grossonkel Charles Payne war Mitglied der 89. Infanterie-Division der US-Armee und an der Befreiung von Buchenwald beteiligt. Auschwitz in Polen wurde jedoch von der Roten Armee befreit. Anfang Mai 2009 hatte sich dann ueberraschend das Weisse Haus doch noch in Buchenwald gemeldet, um den Besuch anzukuendigen, der fuer Barack Obama persoenlich so bedeutsam war. Tief bewegt versprach Obama niemals mehr zu vergessen, was er hier gesehen habe. Am Ende seines ausfuehrlichen Rundgangs unter der Turmuhr des Lagers, die bis heute die Stunde der Befreiung zeigt. Obama zog die Lehre aus dem, was er soeben in Begleitung von Elie Wiesel und Angela Merkel gesehen hatte, in seiner Rede.
Hoeren wir ihm nochmals zu:
'We are here today because we know this work is not yet finished. To this day, there are those who insist that the Holocaust never happened - a denial of fact and truth that is baseless and ignorant and hateful. This place is the ultimate rebuke to such thoughts; a reminder of our duty to confront those who would tell lies about our history.'
Unbelassen der Debatte um die Richtigkeit des einen oder anderen diplomatischen Schachzugs, mag sich der geneigte Leser die Frage vorlegen, welch tieferen Ursache wir denn eigentlich nun dies auffaellig 'situations-adaptive' Verhalten Obamas verdanken.
Wie zuallermeist, heissen die Zauberworte auch hier Opportunismus und - Lobbyismus. Traditionell ueben Lobbyisten in den USA einen grossen Einfluss auf den Kongress aus, wenn es um Steuern und Handelsbeziehungen geht. Einige grosse Unternehmen haben nun eine starke oekonomische Bindung an die Tuerkei als eminent wichtigen strategischen Verbuendeten der USA in den Nahost-Friedensbemuehungen und dem Kampf gegen den Terror.
Unter den US-Ventures zwischen US-Unternehmen und der Tuerkei sind ein drei Milliarden US-Dollar Vertrag von Northrop mit einem tuerkischen Unternehmen ueber die Lieferung von Kampfjets. Goodrich Corp und eine tuerkische Firma vereinbarten, ein Joint-Venture zwecks Wartungs-und Reparaturarbeiten an Motor-Komponenten. BAE Systems und ein tuerkisches Unternehmen versorgen gemeinsam die tuerkischen Streitkraefte mit gepanzerten Fahrzeugen. Chevron haelt Anteile an einer Pipeline quer durch das Land; Raytheon hat sich bereit erklaert, der Tuerkei Stinger Raketenwerfer-Systeme im Wert von 34 Millionen US-Dollar zu liefern und arbeitet gerade an einem Vertrag ueber ein Kontingent Raketenabwehr-Systeme. United Technologies verkauft Sikorsky Hubschrauber in die Tuerkei.
Obwohl manche Analysten es nun durchaus kritsich betrachten, wenn sich Lobbyisten gegen die Menschenrechte betaetigen, bewerten andere die zu erwartende oeffentliche Gegenreaktion gegen die Lobbyarbeit bezueglich der 'Armenian-Genozid-Resolution' im Kongress als minimal.
BAE Systems Inc., Goodrich Corp, Northrop Grumman Corp, Raytheon Co., United Technologies Corp und Energieproduzent Chevron Corp haben allein im ersten Quartal 2009 insgesamt ueber 14 Millionen US-Dollar zwecks Congress-Lobbyarbeit ausgegeben. Neben der 'Genocide-Resolution' ging es unter anderem um die Pentagon-Lobby, den Klimawandel, Steuern und vieles mehr.
Wuerden die USA die Ermordung der Armenier 94 Jahre zuvor als Voelkermord anerkennen, wuerde das wohl auch ihre Glaubwuerdigkeit hinsichtlich der Bitte um internationale Hilfe fuer den Stop der Toetungen im Sudan unterstuetzen. Aber oekonomischen Druck auf die sechs Unternehmen zu vermeiden, das scheint hier politisch vorrang zu gniessen. O theatrum mundi. Temous edax rerum.
18. Finally: Wir brauchen einen Polit-Superstar; Einen Macher, der einen mitreisst und mit seinem Charisma die Massen in seinen Banne zieht.
Hatten wir schon einmal. Naemlich den da:
Fast moechte man Mitleid mit den Politikern haben. Zeigt unsere Analyse uns doch: Egal, wie ambitioniert oder charismatisch und ob vor- oder nach der Wahl; Am Ende werden sie ex officio scheitern. ALLE.
Ave imperator! Morituri te salutant.
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