Frage an Radio Yerevan: Was hat man Dir, Du armes Kind, getan?
By admin on May 24, 2009 | In News, Politik, Wirtschaft, Humor
Frage an Radio Yerevan: Was hat man Dir, Du armes Kind, getan? Im Prinzip nichts, aber wer hoch pokert, verliert bisweilen auch mal. Collateral Damage eben.
Kennst du das Land, wo die Zitronen bluehn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen gluehn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Moecht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.
Kennst du das Haus? Auf Saeulen ruht sein Dach,
Es glaenzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Moecht ich mit dir, o mein Beschuetzer, ziehn.
Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg;
In Hoehlen wohnt der Drachen alte Brut;
Es stuerzt der Fels und ueber ihn die Flut,
Kennst du ihn wohl?
Dahin! Dahin
Geht unser Weg! O Vater, lass uns ziehn!
(Mignon, Wilhelm Meisters Lehrjahre; Goethe)
Es war einmal ein begnadeter Ingeneur, dessen ebenso begnadeter Vater ein Auto fuers Volk schuf. Nach dem Krieg, als Deutschland in Schutt und Asche lag, hatte der junge Mann einen tollkuehnen Plan: Wenn man ein kleines leichtes Auto baut, koennte man vielleicht 500 Stueck davon verkaufen. Aber keine Bank wuerde er bitten wollen, sein Vorhaben zu finanzieren. Schliesslich hatte er in juengster Geschichte erfahren muessen, wie nachteilig sich Abhaengigkeiten jedwelcher Art auswirken koennen. Also beschloss er, sich Anzahlungen von seinen Haendlern und Kunden in spe geben zu lassen. Und so schaffte er Stueck fuer Stueck das bis vor kurzen profitabelste Autounternehmen der Welt. Und dieses ist und war stets bei weitem mehr als ein einfacher Auto-Hersteller; Es ist eine Ideenschmiede, eine Unternhemensberatung, eine Philosophie. Kein Megakonzern, sondern eine mittelstaendische Familienfirma, bei der es eben um mehr als Profit geht. Ja, die Menschen sind stolz, bei dieser Firma zu arbeiten. Genauso wie die, die das Produkt erwerben. Nein, eigentlich ist es kein Produkt - es ist die Inkarnation der eigenen Persoenlichkeit und Symbol fuer Freiheit und technische Schoenheit in Symbiose mit sozialer und oekonomischen Verantwortungsbewusstsein. Etwas, das man mit Worten nicht beschreiben kann. Man muss es im wahrsten Sinne des Wortes 'erfahren'. Eben einfach etwas fuer die Seele. Und fuers Herz.
In dem Handbuch meines ersten 911 anno 1970 stand sinngemaess geschrieben: Sie besitzen jetzt ein aussergewaoehnliches Fahrzeug. Seien Sie Vorbild fuer andere Autofahrer. Ob mans glaubt oder nicht; Porsche hat von jeher moralische, ethische und gesellschaftliche Werte vertreten. Und nebenbei Autos gebaut, die man an seine KInder vererben konnte. Die Qualitaet der alten Fahrzeuge war unuebertroffen. Naturelich bin ich nicht voellig objektiv. Wie kann man das auch sein, wenn man ueber etwas spricht, das eigentlich zur Familie gehoert. Etwas, das das eigene Leben auch und gerade ethisch/moralisch gepraegt hat. Das einem wie nichts anderes sonst zum Gefaehrten und zum Teil der eigenen Identitaet geworden ist.
Dabei geht es nicht nur um Autos. Im Gegenteil: Gerade die menschliche Staerke des altehrwuerdigen Professor Dr. Ferry Porsche, der stets mehr Ingeneur und Humanist als Unternehmer war, musste einen einfach beruehren. SO stellt man sich ein Familienunternhemen vor, welches seine Arbeiter wie seine Kunden geleichermassen als Partner und nicht nur als leidiges Uebel betrachtet. Welches 'Made in Germany' noch als Ausdruck von Qualitaet sowie als soziale Verpflichtung begreift, anstatt nur als schlau plaziertes Marketinginstrument.
Und dann kommt der Schock. Was zum Teufel treibt einen Manager an, sein gutes Geschaeftsergebnis der produktivsten und unabhaengigsten Auto- und Entwicklungsfirma der Welt zugunsten von schierer Groesse aufs Spiel zu setzen? Hat er denn etwa nicht verstanden, was selbst auf ihrer Homepage geschrieben steht - dass gerade kleine, unabhaengige Firmen ihre Flexibilitaet in Krisen als Staerke ausspielen koennen? War ihm oder wer auch immer die Verantwortung zu den juengsten Ereignissen getragen hat denn nicht bewusst, warum der weise alte Professor als Familienoberhaupt damals beim Boersengang die weitsichtige Entscheidung traf, die in ausschliessslich Familienbesitz befindlichen Stammaktien als vinkulierte Namensaktien auszugestalten und damit ein unfriendly overtaking zu verhindern? Schliesslich galt es nicht nur, das grosse Erbe seines Vermaechtnisses zu wahren und sogenannten 'Heuschrecken' einen Riegel vorzuschieben, sondern auch und gerade zu verhindern, dass irgendwanneinmal ein abtruenniges oder auch sonstwie in Not geratenes Familienmitglied das 'Tafelsilber' verkauft und so womoeglich unerwuenschten Gaesten den Zugriff auf firmenrelevante Managmententscheidungen gestattet. Auf dem Wunsch, das Erbe auch fuer zukuenftige Generationen bestaendig gerecht zu konservieren, beruhte dann unter anderem auch die intrafamilaere Ueberlegung, den operativen Vorstand der Porsche AG nicht mit Familienmitgliedern zu bestallen.
Koennte es wirklich wahr sein, dass eine narzisstische Kraenkung Jemanden dazu angetrieben hat, 10 Mrd. Kredit aufzunehmen, um mal eben VW zu kaufen? Ja, fast wuerde man sich in solchartigem Falle wohl gar die Frage vorzulegen wagen wollen, ob in dem gegenstaendlichen Falle eine Penisverlaengerung nicht allein als wesentlich probatere, sondern auch im doppelten Wortsinne 'billigere' Alternative in Betracht haette gezogen werden koennen. Es mag denn zwar so angegangen sein, dass man auf eine Niedersachsens fragwuerdiges VW-Gesetz negierende Entscheidung spekuliert hat; Allein, unsere langjaehrige politisch wie juristische Erfahrung lehrt uns, dass nur in den bei weitem allerseltensten Faellen ein allzu tollkuehn-optimistischer Griff ins Klo auch zwanglaeufig wirklich echtes Gold heraufbefoerdert. Selbst dann noch nicht, wenn man ihn, wie hier wohl augenscheinlich geschehen, beidhaendig, ausserordentlich tief, mit ganz besonders viel Anlauf, sowie einem geruettelt Mass an Enthusiasmus praktiziert hat.
Am Ende bleibt uns nichts, als zu beten, dass der Kelch an uns vorueber geht. Denn es waere ein grosser Verlust. Fuer diese aussergewoehnliche, humanistsische und stets hoechst sozialverantwortliche Familie; Fuer die vielen Enthusiasten und Fans; Fuer Deutschland als Standort. Fuer mich, der sich weigert, das zu verlieren, was mir in finstersten Zeiten schon so unendlich oft etwas wie mein Leuchtturm der Hoffnung gewesen ist. Und fuer unzaehlige kleine Jungen, die das Traeumen noch nicht gaenzlich verlernt haben.
Vielleicht mag es ja auch eine Gnade sein, dass der alte Professor, so, wie ich ihn vor scheinbar einer kleinen Ewigkeit einmal kennen und zuallerhoechst schaetzen lernen durfte, diese Entwicklung nicht mehr miterleben muss. Moegen wir alle aus dem Beispiele lernen, dass Hybris und Selbstueberschaetzung allzuschnell den Erfolg zu einer Niederlage stempelt und Eitelkeit bisweilen teuer zu stehen kommt. Und hoffen wir darum, dass nicht Diejenigen den Preis bezahlen muessen, die die causa morbis weder verschuldet, geschweige denn verhindern konnten.
Praesis ut prosis, non ut imperes.
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