Frage an Radio Yerevan: Wiederholt sich eigentlich manchmal die Geschichte?
By admin on Nov 19, 2008 | In News, Politik, Wirtschaft, Humor
Frage an Radio Yerevan: Wiederholt sich eigentlich manchmal die Geschichte? Antwort: Im Prinzip nein. Es sei denn, man erinnert sich daran.
Kennen Sie das? Irgendwie hat man das Gefuehl, es ist Alles schonmal so oder so aehnlich dagewesen. Die Esoteriker wuerden hier sagen: Man bekommt ein Problem solange erneut vorgelegt, bis es als geloest erscheint. Und dies hat - zumindest psychologisch - einen durchaus realen Hintergrund.
Frage an Radio Yerevan: Ist sowas aber nicht nach den Gesetzen der Evolutionstheorie eine contradictio in adjecto? Antwort: Im Prinzip schon, aber eben nicht, wenn man sie richtig versteht und nicht - wie wir das in unseren westlichen Gesellschaften allzu gerne tun pflegen - auf das Individuum, sondern auf das Gesamtsystem abstellt.
Wie gut oder effizient ein System funktioniert, ist vorallem eine Frage der Interaktion aller integralen Komponenten. Und deren Faehigkeit, die ihnen uebertragenen dedizierten Aufgaben erfolgreich zu loesen. An dieser Stelle mag auch der Hinweis stehen, dass Darwins Evolutionstheorie hier gerne missinterpretiert oder falsch verstanden wird (oder gar werden soll?!). Richtig uebersetzt bedeutet der 'struggle for life' eben nicht 'Kampf ums Ueberleben' - was die gelaeufige Lesart von 'der Staerkere gewinnt' nahelegt, sondern 'Kampf fuers Ueberleben'. Wenn es auch feinsinnig klingt, aber der Unterschied ist enorm; Da Letzteres neamlich nicht zwangslaeufig in einem Krieg der Staerke ausgeht. Vielmehr ist hier das Co-Prinzip zu erkennen, dass denjenigen das langfristige Ueberleben sichert, die zu cooperieren verstehen. Mit anderen Worten: Nicht der asoziale Fighter sieht, sondern der soziale Kommunikator, dessen Primaerbegabung nicht in der narzisstischen Herausstellung des Einzelindividuums, sondern in der Sorge um die Art liegt.
Das kann man auch in Tierherden gut beobachten, da zB. unter Affen derjenige aus der Gruppe verbannt wird, der nicht zu teilen versteht. Gekoppelt mit der femininen Partnerwahl ist also nicht der Staerkste, sondern der Sozialste der praeferierte Parter, der seine Gene weitergeben darf. Alles andere waere auch rein mathematisch irrsinnig, da in einer Gesellschaft, in der ohne Unterlass um die absolute Staerke gekaempft wird, am Ende nur Einer uebrig bleibt - zu wenig also fuer sexuelle Vermehrung. Oder man stelle sich einmal ein Bienenvolk vor, das sich gegenseitig umbringt im Kampf darum, wer denn nun die Koenigin poppen darf... Wir sehen also - Darwin steht gar nicht so sehr im Widerspruch zu unseren christlichen Werten.
Aber wie steht es denn zB. in der Politik? Allzu oft fuehle ich mich heutzutage getrieben, die Worte des guten alten Heinrich Heine zu zitieren:
Ein Wintermaerchen - CAPUT XIII
Die Sonne ging auf bei Paderborn,
Mit sehr verdrossner Gebaerde.
Sie treibt in der Tat ein verdriesslich Geschaeft -
Beleuchten die dumme Erde!
Hat sie die eine Seite erhellt,
Und bringt sie mit strahlender Eile
Der andern ihr Licht, so verdunkelt schon
Sich jene mittlerweile.
Der Stein entrollt dem Sisyphus,
Der Danaiden Tonne
Wird nie gefuellt, und den Erdenball
Beleuchtet vergeblich die Sonne! -
Und als der Morgennebel zerrann,
Da sah ich am Wege ragen,
Im Fruehrotschein, das Bild des Manns,
Der an das Kreuz geschlagen.
Mit Wehmut erfuellt mich jedesmal
Dein Anblick, mein armer Vetter,
Der du die Welt erloesen gewollt,
Du Narr, du Menschheitsretter!
Sie haben dir uebel mitgespielt,
Die Herren vom hohen Rate.
Wer hiess dich auch reden so ruecksichtslos
Von der Kirche und vom Staate!
Zu deinem Malheur war die Buchdruckerei
Noch nicht in jenen Tagen
Erfunden; du haettest geschrieben ein Buch
Über die Himmelsfragen.
Der Zensor haette gestrichen darin,
Was etwa anzueglich auf Erden,
Und liebend bewahrte dich die Zensur
Vor dem Gekreuzigtwerden.
Ach! haettest du nur einen andern Text
Zu deiner Bergpredigt genommen,
Besassest ja Geist und Talent genug,
Und konntest schonen die Frommen!
Geldwechsler, Bankiers, hast du sogar
Mit der Peitsche gejagt aus dem Tempel -
Ungluecklicher Schwaermer, jetzt haengst du am Kreuz
Als warnendes Exempel!
Es mag nun ein ironischer Zug der Zeit oder ein Scherz der Geschichte sein, dass man sich hierdurch wohl auch heutzutage abermals den Ruf des Nestbeschmutzers zulegt. Sozial sein wuerde die bisherigen Herrscher, die zwar nicht quantitativ, wohl aber machtpolitisch am Druecker waren (und sind), in Frage stellen. Interessant hierbei erscheint mir, dass in den als erzkapitalistisch angesehenen Vereinten Staaten von Amerika durchaus ein sozialer Druck zur caritas besteht. Man erinnere sich ua. an Bill Gates, der sich, geleutert durch den Druck des consensus gentium, dazu bekannte, inzwischen ueber die Haelfte seines Vermoegens fuer gemeinschaftliche Zwecke zu spenden. Dort wuerde auch Steuerhinterziehung nicht nur als Cavaliersdelikt angesehen, da man die langfristig erodierende Wirkung auf das demokratische Gesamtgefuege erkannt hat. In Deutschland dagegen wird nach einer Umfrage das Steuersparen attraktiver als Sex eingeschaetzt...
Bei einem derartigen Machtgefuege mag es dann nicht verwundern, wenn in der langen Geschichte Deutschland die Inhaber der Privillegien in der Vergangenheit nicht sonderlich an einer vox populi interessiert waren. Das duerften sie zwecks Machterhalt auch gar nicht sein. Und so kann unser Land dann auch nicht wirklich von einer demokratischen Tradition sprechen. Seine Chance dazu hatte es wohl; Allein, bereits 1848 wurde sie vertan.
Nocheinmal Heine:
Ein Wintermaerchen - die schlesischen Weber:
Im duestern Auge keine Traene,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zaehne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
–Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskaelte und Hungersnoeten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geaefft und gefoppt und genarrt -
–Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem Koenig, dem Koenig der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpresst
Und uns wie die Hunde erschiessen laesst -
–Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume frueh geknickt,
Wo Faeulnis und Moder den Wurm erquickt -
–Wir weben, wir weben!
Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
–Wir weben, wir weben!
Aber Haalt - vielleicht handelt es sich ja gar nicht um ein roll-back, einen Atavismus, sondern es ist vielmehr so, dass wir uns nur niemals wirklich weiterentwickelt haben. Einfach nur gewoehnlicher, uebelmueffelnd vor sich hin gammelnder Stillstand. Die Magna Carta und der Sturm auf die Bastille entbehren jedwelchen Entsprechungen in Deutschland. Vielmehr haben die Intelektuellen und Freidenker unseres Landes ihre Zukunft traditionell jenseits des Atlantiks aufgebaut.
Natuerlich haben unsere hiesigen Koenige keine Kronen mehr. Dafuer koennen sie jedoch nach Beendigung ihrer Amtszeit - im Gegensatz zu den armen Hochwohlgeborenen - auch gefahrlos zu zB. Gazprom in den Aufsichtsrat wechseln.
Leider entbindet dieses systemimmanente 'Interim Management' unsere Volks(ver)treter leider auch von dem Beduerfnis zur Nachhaltigkeit. Schliesslich muessen die Folgen der Beschluesse nach vollendeter Legislaturperiode vom Amtsnachfolger getragen werden. Somit ist es dann nur billig, wenn die Kanalisationen im sale-and-leaseback bzw. cross-border-lease Verfahren privatisiert und das Tafelsilber verscherbelt werden. Auch kann man so getrost Bildung und Kunst vernachlaessigen - von 168 Berufsorchestern sind gerade noch 35 in Deutschland uebrig geblieben und den verbleibenden Musikern wurde der Tarifvertrag gekuendigt. Wozu brauchen unsere Kinder auch Kultur - es genuegt doch, wenn sie fressen, ficken und arbeiten koennen.
Freilich mag da der eine oder andere schmutzige Intellektuelle sein Haupt zum Einspruch erheben. Aber auch daran wurde gedacht. Und siehe da - hier hat die Politik aus der Geschichte gelernt: Wehret den Anfaengen! Unterbindet die Informationsfreiheit, unterminiert die Presse - oder macht sie von der Wirtschaft abhaegig wie einen Junkie von seinem naechsten Schuss - und tilgt den Verstand aus den Kindern. Wer glaubt hier, dass die Pisa-Ergebnisse nicht vielleicht sogar gewuenscht sind; Schliesslich lassen sich dumme Menschen viel leichter kontrollieren bzw. merken die Manipulation wenigstens nicht. Das hat ueberdies den Vorteil, dass Selbige es gar nicht mehr wagen, hohe Ansprueche an ihre Loehne zu stellen. Und der Freiheitsbedarf sinkt auch. Ci vis pacem, para bellum.
Erinnern wir uns: Um auf Nummer sicher zu gehen, hat unser rollendes Abhoergeraet gerade die neuen STAatsSIcherheitsgesetze verabschiedet, die uns alle in einer Art Beweislastumkehr de jure zu Terroristen stempeln. Deshalb haben wir auch diesen tollen RFID-Chip in unseren Personalausweis, den Sie bitte hoffentlich niemals und ueberhaupt gar nie laenger als 30 Sekunden in eine Microwelle legen wuerden. Dies naemlich wuerde zwar freilich das altehrwuerdige Ausweisdokument nicht voellig unbrauchbar machen, leider jedoch die kostbare Elektronik. Und dann koennte Vater Staat und sein GEsamt-STAatliches-POlizeikonzept Sie ja nicht mehr vor sich selbst und den anderen Terroristen beschuetzen. Aus dem gleichen Grund wuerden Sie natuerlich auch bitte auf gar keinen Fall OpenSource Software und Verschluesselungssysteme benutzen. Wir wollen doch schliesslich den Herren Spionen nicht etwa noch ihre emsige Taetigkeit unnuetz erschweren. Zumal wir sie ja eigens dafuer teuer mit unseren Steuergeldern unterhalten.
Ein letztes Mal Heine:
Denk’ ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Sic transit gloria mundi. Semper idem.
| « Frage an Radio Yerevan: Koennen Maerchen eigentlich wahr werden? | Frage an Radio Yerevan: Wie pfui ist eigentlich Korruption? » |
MARIMARC.NET - Analysing, Branding, Coaching