Frage an Radio Yerevan: Wie pfui ist eigentlich Korruption?
By admin on Nov 14, 2008 | In News, Politik, Wirtschaft, Humor
Frage an Radio Yerevan: Wie pfui ist eigentlich Korruption? Antwort: Im Prinzip gilt das Gesetz: Es ist mega-super-pfui. Aber nur am 30. Februar.
Es wird der Tag kommen, an dem Transparency International alle Korruption abgeschafft hat. Ja aber klar, und in meiner Garage sitzt Santa Claus und onaniert...
Hier kommt eine Warnung: Falls Sie sich in Ihrer Welt der Illusion wohlfuehlen, sollten Sie nicht weiterlesen. Wir alle sind korrupt bis unter die letzte Haarspitze. Ohne Wenn und Aber.
Schon im allerersten Moment nachdem das kleine Schreiding das Licht der Welt erblickt, faengt es an, die Korruption aktiv wie passiv zu nutzen: Es laesst sich zuerst mittels Mutters Brust zum Stillschweigen korrumpieren; Spaeter dann uebernimmt der Schnuller diese Aufgabe. Kann das kleine Monster schliesslich laufen, fordert es Suessigkeiten und im erweiterten Sprechalter ein Handy ein.
Aber auch die Mutter unterliegt der aktiven Korruption: Getrieben von ihrem inhaerenten Gewissensdruck (der eine Folge der Sozialisierung ist) und dem Druck der Nachbarn (die der Geraeuschbelaestigung muede sind), laesst sie sich dazu korrumpieren, ihre Nachzucht zur Sozialisation zu zwingen.
Korruption erzeugt eben Korruption. Das lernen wir auch schon in der Schule, wo korrupte Lehrer (die unter der Vorteilsnahme ihres garantierten Einkommens) ein unmoegliches Selektionssystem foerdern, in dem Kinder aufgrund sozialer Herkunft katalogisiert und benachteiligt werden. Aber wir brauchen uns gar nicht allzusehr zu erbosen - wo doch selbst der gemeine Strassenkoeter nach dem selben Schemata funktioniert: Kaum gibts Leckerli, sitzt Wauwau 'bei Fuss'.
Und auch die humane Partnerwahl unterliegt leider oftmals denselben Selektionen (dass es dennoch auch mal wahre Liebe gibt, ist mir aus eigener dankbarer Erfahrung bewusst - mit einem dicken lieben Kuss an meine Frau). Dennoch: Frauen waehlen oft Maenner, die sie zwar nich lieben, ihnen jedoch soziale Sicherheit in Form von Kapital versprechen, wie Maenner Frauen waehlen, die ihren sozialen Status (zB. unter Geschlechtsgenossen) mittels visueller Effekte erhoehen: Guck mal, der olle Sack muss es ja drauf haben, wenn er so ne geile Tussi abbekommt. Tja, liebe Geschlechtsgenossen und Mit-Glieder; Die Korruption qua mamma pendulans scheint sich bei manchen von uns wohl primaer fixiert zu haben...
Frage an Radio Yerevan: Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen Korruption und Prostitution? Antwort: Im Prinzip nein, aber man koennte sagen, wenn Prostitution ein Dienstvertrag ist, ist Korruption ein Werkvertrag (bei dem der Erfolg der Sache Bestandteil des Vertrags ist, im Gegensatz zum Dienstvertrag, der auf Zeitbasis abrechnet - deshalb gibt es ja auch Ehevertraege, die sexuelle Erfuellung als Vertragsbestandteil beinhalten). Anders ausgerdueckt: Prostitution ist zeitlich begrenzt - Korruption eher nicht.
Zurueck zu unserem Alltag: Als Arbeiter dann lassen wir uns mit Hilfe von Gewerkschaften helfen, die regelmaessig und gesellschaftlich toleriert ihr Bestechungsgeld von den Arbeitgebern einfordern. Oder die begehrten 1-Euro-Handies, die uns zum Abschluss eines Vertrages korrumpieren wollen - ganz analog dazu die ach so beliebten Kunden- bzw. Payback-Karten. Und schlussendlich die subtile emotionale Korruption von 'Visa - die Freiheit nehmen wir Dir' oder so aehnlich.
Korruption hat viele Gesichter - und wir sollten uns nicht auf den pekunieren Aspekt beschraenken. Mit Hilfe der Maslow'schen Beduerfnispyramiede kann man Menschen auf ganz unterschiedlichen Ebenen korrumpieren:
1. Ebene: Somatische Grundbeduerfnisse; Atmung, Waerme, Trinken, Essen, Schlaf, Wohlbefinden und last but not least - Sexualitaet.
2. Ebene: Sicherheit; Schutz vor Gefahren, Wohnung, fester Arbeitsplatz, Gesetze, Versicherungen, Gesundheit, Ordnung, Religion, Ritual und Handlungshilfen (Moral), und Lebensplanung (vor allem Planung der Befriedigung koerperlicher Grundbeduerfnisse und auch Geburtenkontrolle).
3. Ebene: Soziale Beziehungen; Freundeskreis, Partnerschaft, Liebe, Naechstenliebe (Caritas), Kommunikation und Fuersorge.
4. Ebene: Soziale Anerkennung; Status, Wohlstand, Geld, Macht, Karriere, sportliche Siege, Auszeichnungen, Statussymbole und Rangerfolge.
5. Ebene: Selbstverwirklichung; Individualitaet, Talententfaltung, Altruismus, Guete, Kunst, Philosophie und Glaube (Welterklaerung und weiterfuehrende Ethik).
Auf all den genannten Ebenen ist ein Mensch korrumpierbar. Das blosse Versprechen bzw. die in Aussichtstellung der Erfuellung der jeweils naechstfolgenden Befriedigungen wird einen Menschen in der Regel dazu bringen, sich auf den Deal einzulassen. Alle sind Kaeuflich - wenn auch nicht monetaer, so doch zumindest, wenn man 'ihren Nerv trifft'. Deshalb sind selbst sogenannte Gotteskrieger absolut korrupt sub specie aeternitatis.
Somit selbst wir als Stimm- und Wahlvieh sind korrupt: Kein Mensch hier waehlt die Partei, die fuer das Land oder die soziale Gerechtigkeit sui generis gut ist. Soziale Gerechtigkeit interessiert uns ueberhaupt nur insoweit, als wir in persona unmittelbar davon betroffen sind. So lassen wir uns bei jeder Wahl froehlich mittels den Versprechen der unseren Interessen am ehesten kompatiblem Partei korrumpieren.
Hierbei muss man natuerlich bedenken, dass die primitive Korruption in Deutschland laengst nolens volens verringert wurde. Das ganze Prinzip ist nun wesentlich buerokratischer. Beispielsweise kann man einen Politiker nicht mehr einfach kaeuflich erwerben (was wensigstens transparent waere), sondern man muss den Unweg ueber die Lobby gehen. Dies wiederrum dient natuerlich dem Bestandsschutz des Kapitalismus, da die Einstiegsschwelle so deutlich heraufgesetz wurde. Ich habe an anderer Stelle einmal angeregt, einen gemein-neutzigen Verein ins Leben zu rufen, der sich - analog dem Prinzip des Car-Sharings - Beamte auf Vorrat anschafft. Wenn man dann einen benoetigt, kann man ihn einfach mittels Chipkarte ausleihen. Das wuerde den KMUs bzw. dem kleinen Freiberufler eine niedrigere Einstiegsschwelle in den ansonsten nur fuer Bluechips verfuegbaren Lobbyismus gewaehren.
Bismarck tolerierte uebrigens einst die Sozialdemokraten explicite, um seine Macht bzw. die der Monarchie zu stabilisieren. Auch hier die Frage: Wer hat wen korrumpiert und wer hat sich korrumpieren lassen? Erinnern wir uns hoffentlich daran, wenn uns die Politik das naechste Mal mit nen paar zerquetschten Eurinos mehr Wohn- oder Kindergeld korrumpiren will.
Frage an Radio Yerevan: Aber wenn wir alle doch sozusagen hereditaer und praenatal korrupt sind, was ist dann eigentlich das Problem? Antwort: Im Prinzip gar nix - aber was so besonders scheisse ist, ist die Doppelmoral, mit der man den Finger auf andere richtet; Nichtbemerkend, dass dabei vier Finger die eigene Person kompromittieren. Wenn wir schon alle in einer korrupten Welt leben muessen, so sollten wir mindestens offen dazu stehen. Selbsterkenntnis ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung.
Adora quod incendisti, incende quod adorasti.
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