Frage an Radio Yerevan: War die Kursentwicklung der VW-Aktie ein Wunder?
By admin on Oct 30, 2008 | In News, Politik, Wirtschaft, Humor
Frage an Radio Yerevan: War die Kursentwicklung der VW-Aktie ein Wunder?
Antwort: Im Prinzip ja, aber nicht fuer Porsche...
Wie kann man das am Besten erklaeren, was sich da die letzten zwei Tage abgespielt hat? Gut, fangen wir mal ganz von vorn an: Was sind ueberhaupt Termin-Geschaefte?
Im Grunde genommen, sind sie eine uralte Praktik. Und sie haben auch nichts mit Wundern oder Lotto spielen zu tun.
Lotterien folgen keiner Logik. Sie sind qua definitionem einfach nur zufaellig, dh. es gibt keine Wahrscheinlichkeiten, die besagen nachdem zB. die Drei fuenfmal dabei gewesen ist, die Sieben aber viermal in Folge nicht, muesse als naechstes wahrscheinlich eine Sieben dabei sein. Es ist einfach wurscht - jedes Spiel ist ein neues Spiel und hat keinen Causalzusammenhang mit dem vorhergehenden. Anders beim Boersengeschaeft: Hier ist - entgegen der landlaeufigen Meinung - nicht alles irrational. Das behaupten nur die, die keine Ahnung haben. Irrational koennte man es allenfalls vom Standpunkt des biederen Buchhalters aus bezeichnen, der nichts als Fundamentaldaten kennt. Da bescheisst er sich aber nur selber - es gibt soviele kreative Buchhalter, die die Bilanz bis zur Unkenntlichkeit verfaelschen, dass man eigentlich gar nicht mehr weiss, was denn an Abschreibungen, immatriellen Wirtschaftsguetern usw. ueberhaupt noch rational sein soll... Aus der Sicht des Psychologen ist es jedoch sehr wohl nachvollziehbar, denn Trader sind eben auch nur Menschen, die in bestimmenten Situationen mehr oder weniger gleich reagieren. Will sagen: Kennst Du sein Verhalten der Vergangenheit, kannst Du - im Gegensatz zum Wuerfel - eben doch gewisse Vorhersagen machen. Je mehr Daten Du hast, desto genauer die Vorhersage. Zu genau diesem Zweck gibt es Chart-Analytik.
Es ist zwar amuesant, stets auf die 'boesen Trader' einzukloppen. Aber leider entbehrt es eben auch - zumindest aus rationaler Perspektive - so bmancher Grundlage. Man darf im Uebrigen ruhig herausstellen, dass Dieselben, die jetzt lauthals auf das 'ueble System' schimpfen, zumindest so lange gerne daran partizipiert hatten, wie sie auf der Gewinnerseite standen... Hier mag dann freilich auch der Hinweis dienlich sein, dass das Geld ja gar nicht 'verloren' ist - es hat nur mal eben kurz den Besitzer gewechselt...
Termingeschaefte - Futures oder Warrants (Optionsscheine) - kann man sich am Einfachsten so vorstellen: Stellen sie sich vor, es gibt bei Aldi Laptops fuer 500,- EUR. Sie moechten eines fuer sich kaufen und sehen, es sind nur noch drei Stueck zu haben. Jetzt wissen sie, dass ihr Freund und ein Nachbar auch noch Eines wollen. Also gehen sie zu Aldi und bitten den Geschaeftsfuehrer, ihnen die zwei restlichen Geraete einen Tag aufzuheben. Als Sicherheit hinterlegen sie 10% des Kaufpreises - also zusammen 100,- EUR. Am naechsten Tag treffen sie ihren Freund un den Nachbarn. Aus Dankbarkeit zahlen Ihnen die Beiden jetzt je 550,- EUR fuer die Laptops (Vielleicht wollen die Beiden ja ihrerseits die Laptops teurer bei eBay verticken?) Wie auch immer; Unterm Strich haben Sie jetzt also 100,- EUR verdient. Das sind 100% gerechnet auf Ihre Einlage. Ihre Position, die Sie hierbei gerade inne hatten, nennen wir fortan 'long' oder 'call'.
Jetzt machen wir es mal andersrum: Sie erfahren von ihrem Nachbar, jemand sucht ein tolles neues Apple I-Phone. Der will 600,- EUR dafuer bezahlen. Sie haben aber gerade eine Mail von einem Freund erhalten, in der steht, dass das Teil in zwei Tagen von T-Mobile fuer Bestandskunden fuer 500,- EUR zu bekommen ist. Jetzt gehen Sie potswendend zu dem Kaufinteressenten und verkaufen ihm das I-Phone mit einer Lieferfrist von drei Tagen. Er zahlt Ihnen 100,- EUR an. Sie zahlen nun Ihrerseits 100,- EUR bei T-Mobile an, um sich eines von den Dingern zum festen Preis von 500,- EUR zu sichern. Zwei Tage spaeter gehen Sie zum T-Punkt, holen das I-Phone und liefern es Ihrem Kunden fuer den vereinbarten Preis von 600,- EUR. Jetzt haben sie ebenfalls 100,- EUR Differenz, also 100% Ihres eingesetzten Kapitals, verdient. Somit hielten wir diesmal eine 'short' oder 'put' Position.
Sie sehen, es ist kein Hexenwerk und kein Gluecksspiel. Hat auch nix mit Moral usw. zu tun. Eben ein ganz banales Geschaeft innerhalb der gewoehnlichen hereditaeren Geldgeilheit des homo oeconomicus.
Sodann koennen wir nun auch spekulieren, wie es im Falle VW gewesen sein koennte:
Es war einmal ein Koenig - nennen wir ihn einfach Koenig Frech-Dax-, der war sowas von geil auf Kartoffeln. Da er aber ueberdies noch ein Schwabe war, befehligte er seinem Finanzfuzzi, eine Strategie zu entwickeln, zu billig wie moeglich an die Biester ranzukommen. Also beschloss man, inmitten der Finanzkrise, als die Kartoffeln billig waren, Optionen auf Kartoffeln zu kaufen. Der Finanzfuzzi indes war auch ein heller Kopf, und so bemerkte er beim Analysieren, dass erstens seine Warrants im Moment der Krise nix an Wert gewonnen hatten und zweitens eine Menge Trader short waren, dh. sie hatten gaanz viele Kartoffeln leerverkauft, also bereits heute zu einem festen Preis, in der Hoffnung, sie morgen noch billiger zurueckzukaufen und so ihre positions zu closen. Geschwind guckte sich das clever Maennchen die Menge Kartoffeln an, die am Markt waren und stellte dabei fest: Hoppla - sind ja gar nicht mehr viele zu haben, weil wir und der andere Koenig schon 75% halten. Also zaehlte er eins und eins zusammen und verlautbarte am Wochenende (macht man immer so): Wir werden demnaechst alle Kartoffeln vom Markt wegkaufen fuer unseren Mega-Kartoffelpueree-Matschberg...
Ohh, was bekamen die shorties da kalte Fuesse und dachten sich: Jetzt aber schnell alle Kartoffeln einsacken und unsere Positionen glattstellen, bevor sie zu teuer werden... Und was passiert, wenn sich alle Bauern auf die paar Erdaepfel stuerzen? Die Preise steigen und steigen - so sehr, dass Kartoffeln schlagartig fuer kurze Zeit zum teuersten Gemuese der Welt wurden.
Da unser geiler Koenig aber entweder sehr sozial, oder unverschaemt clever ist, liess er am naechsten Tage publizieren: Weil ich Euch alle sooo lieb habe und damit wieder mehr Kartoffeln handelbar sind, verkaufe ich ein paar meiner Kartoffeln. Und wusch - der Potatoe-Preis rauschte urploetzlich wieder um die Haelfte in den Keller... -> Bemerkung am Rande: Falls, rein hypothetisch, unser Finanzfuzzi so schlau war und geschwind short ging, dh. viele Kartoffeln schon vorher bei hohem Niveau auf Termin leerverkauft hat, so hat er jetzt gleich zweimal verdient. Und sollte er dabei tatsaechlich einen Milliardenbetrag eingesetzt haben (eine gewisse Firma P. hatte erst kuerzlich eigens einen Kredit in Hoehe von 35.000.000.000,00 EUR aufgenommen) - multipliziert mit einem marktueblichen Hebel von Faktor 10-20 bei Termin bzw. CFD oder Warrantgeschaeften - ja, dann haette er binnen wenigen Tagen einen recht netten Spekulationsertrag erzielt...
Ach, Sie koennen sich nix Konkretes unter zB. zehn Milliarden EUR Reingewinn vorstellen? Denken Sie sich einfach mal ein schnuckeliges kleines Einfamilienhaus fuer 250.000,- EUR vor - und nun nehmen Sie so ungefaehr vierzigtausend(!) Stueck davon...
Frage an Radio Yerevan: Kann sowas denn noch legal sein? Antwort: Im Prinzip ja. Und ist es moralisch? Das Geld ist jedenfalls nicht gestohlen. Die, die auf der Verliererseite bei diesem Konstrukt stehen, sind dieselben, die vorher short waren: Die sogenannten Hedge-Fonds. Also keineswegs Institutionen, die sich (vorher) besonders moralisch verhalten (haben). Sie waren es auch, ueber ihre short-sells den Kursrutsch zB. des DAX, und damit einen Grossteil der nun heraufbeschworenen Wirtschaftskrise, urspruenglich mit verursacht haben. Es ist eminent wichtig, sich hier einmal mehr den Unterschied zwischen Wirkung und Ursache vor Augen zu fuehren.
Subjektive Meinung von Radio Yerevan: Ha so ebbes - die Spaetzlesfresser sind ja nicht bloss gute Ingeneure, sondern auch noch gewiefte Spekulanten... Nein, der pfiffigen - und nebenbei profitabelsten - 'Investment-Bank mit angeschlossener Autofabrik' aus Zuffenhausen, die es einmal mehr gewagt hat, den 'Grossen' der Hedge-Fonds das Fuerchten zu lehren und obendrein dabei mehr Gewinn als Umsatz zu generieren, ist moralisch kein Vorwurf zu machen. Es ist ja auch kein Schaden fuer Otto Normalmissbraucher entstanden (VW-Mitarbeiter duerften sich sogar an ihren gestiegenen Mitarbeiter-Beteiligungen erfreuen). Allein, man kann sich dennoch des Eindrucks kaum verwehren, dass vorallem im Kopfe der makrooekonomisch eher unbedarfteren Menschen eventuell ein kleines 'Gschmaeckle' zurueckbleiben wird...
Und der selige alte Professor, dessen Bestreben und ganzer Stolz es stets war, seine Unabhaengigkeit so gut wie nur irgend moeglich speziell gegenueber Banken zu behaupten, duerfte sich wohl in seinem Grabe umdrehen.
O cives, cives quaerenda pecunia primum est, virtus post nummos...
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