Frage an Radio Yerevan: Wo ist das Vertrauen und wie kann man es bekommen?
By admin on Oct 24, 2008 | In News, Politik, Wirtschaft, Humor
Frage an Radio Yerevan: Wo ist das Vertrauen und wie kann man es bekommen? Antwort: Das koennen Sie nicht kaufen - das gibts nur als Zugabe...
Was ist eigentlich Vertrauen? Bemuehen wir einmal die gute alte Psychoanalyse: Das Urvertrauen ist das essentielle Gefuehl, welches dem kleinen Kinde ueberhaupt erst ermoeglicht, in dieser Welt ein stabiles Ich aufzubauen. Man muss sich selbst vertrauen lernen. Und das geht nur ueber das Vertrauen zu den Eltern. Und von diesen.
Lernen ist per definitionem ein 'interaktiver Prozess'. Wir alle lernen durch das, was uns unsere Umwelt wiederspiegelt. Das ist an sich nichts Besonderes - auch ein Programmierer benoetigt mindestens sogenannte 'if' and 'then' Schleifen; Anders kann das Programm (oder eben der Mensch) ja nicht wissen, ob die Annahme bzw. die Absicht richtig oder falsch ist. Kind tut etwas, Mutter laechelt - Feedback: Das ist gut. Kind tut was anderes - Mutter laechelt eher nicht: Das war dann wohl falsch...
Dass wir nun unseren Eltern - genaugenommen unserer Mutter in den ersten drei Jahren der Individuation - quasi default vertrauen, haengt nun zum einen davon ab, dass das evolutionaer so sein muss (das Baby ist zu 100% ohne wenn und aber auf seinen 'Versorger' angewiessen) - zum zweiten davon, dass eben diese Mutter Verantwortung fuer das Kind uebernimmt. (Muss im uebrigen auch so sein, weil das Baby es nunmal nicht selbst kann).
Zusammengefasst lernen wir zuerst unserer Mutter vertrauen und ueber ihr gespiegeltes Vertrauen im weiteren dann auch uns selbst. Mama ist ok - sie laechelt - ergo: Ich bin auch ok. So lernen wir auch Risiken einzuschaetzen. Natuerlich ist das Thema 'Selbstvertrauen' noch lange nicht abgeschlossen. Wir muessen auch unserem Vater vertrauen lernen, da dieser einen anderen Bereich von Selbstvertrauen repraesentiert. So stammt das passive Vertrauen eher von der muetterlichen Seite, das aktive hingegen von der vaeterlichen. (Ich benutze hier 'passiv' und 'aktiv' in ihrer psychoanalytischen Definition von 'maennlich' und 'weiblich').
Vertrauen lernen wir also also Folge von Verantwortung dessen, welchen wir vertrauen muessen. Dabei ist es wirklich eminent wichtig, sich hier noch einmal die faktische Asymmentrie des Machtgefaelles zu Anfang der Situation klar zu machen: Das Baby hat absolut keine Wahl; Es muss der Mutter vertrauen, waehrend demgegenueber die Mutter ueber eine gewisse Freiheit verfuegt, ihre Verantwortung auch wahrzunehmen. In Folge dessen koennen wir spaeter auch nur jemanden vertrauen, wenn dieser Verantwortung besitzt bzw. diese auch ausuebt.
Schauen wir uns nun die Verantwortung an: Wann kann man von einer Verantwortung sprechen? Zunaechst einmal braucht es Macht - logisch, denn jemand, der nichts tun kann (also keinen Entscheidungsspielraum hat), braucht ja freilich auch gar nix zu verantworten. Macht im eigentlichen Sinne ist nun nichts anderes als die Freiheit im Handeln. Je mehr Freiheit nun Jemand hat, desto mehr Macht hat er - ueber sich und Andere. Weil Freiheit immer auch im Wortsinne relativ ist (von relatio = Beziehung). Unsere Freiheit ist immer bezogen auf das System, in dem wir handeln. Vereinfacht gesagt, entsteht Verantwortung immer dann, wenn jemand die Freiheit hat, so oder anders zu handeln.
Die Ironie der Geschichte ist nun, dass wir auf Individualbenene zuallererst Freiheit erfahren, wenn wir Vertrauen geschenkt bekommen. Fast jeder kann sich an solche oder aehnliche Momente erinnern, wo beispielsweise Mutter uns das erste Mal allein zum Einkaufen schickte. Sie vertraute uns das Geld an - und wir hatten die Verantwortung, es nicht fuer eigene Zwecke zu missbrauchen. Wir hatten die theoretische Freiheit, es fuer Spielsachen auszugeben. Aber wir wollten das entgegengebrachte Vertrauen nicht enttaeuschen und uebernahmen Verantwortung fuer unser Handeln. Das Ueber-Ich, unser Gewissen, hat die Kontrolle uebernommen. Jemand hat mich mal gefragt, was 'erwachsensein' eigentlich bedeutet. Nicht das Alter, nicht das physische Koerperwachstum ist ein Indiz - es ist alleine der Faktor, wann Jemand in der Lage ist, bewusst alleinige Verantwortung fuer sein Handeln zu uebernehmen.
-> Bemerkung am Rande: Fuer die, die jetzt fragen, was unser Gewissen denn nun eigentlich dazu bringt, so eigentlich fuer Individuen atypisch unegoistisch zu handeln, sei hier nur kurz angedeutet: Es ist im Grunde genommen das alte Konditionierungssystem von Belohnung und Strafe. Die Belohnung ist die Liebe der Mutter - und ihr zukuenftiges Vertrauen repraesentiert dieselbe; Die Strafe der Liebesentzug (oder - je nach Familie - eine manchmal auch mehr physische Strafe).
Jetzt haben wir also eine grobe Richtung: Zu Anfang muessen wir passiv vertrauen. Und wenn wir diese Erfahrung positiv besetzen koennen (Mutter hat uns nicht enttaeuscht und aktiv ihre Verantwortung wahrgenommen), lernen wir, dass Vertrauen etwas Gutes ist. Durch die Zuverlaessigkeit der Liebe der Mutter erlangten wir Urvertrauen. Jetzt bekommen wir irgendwann Vertrauen geschenkt und uebernehmen nun ebenso Verantwortung fuer unser Tun, um das entgegengebrachte Vertrauen (die Liebe der Mutter) nicht zu enttaeuschen.
Kehren wir nun zurueck zur Tagespolitik. Ist Ihnen schonmal aufgefallen, dass 'liberty' in den USA eine eigene Statue hat? Selbst in Frankreich haisst es: 'Liberté, égalité, fraternité'. Nur in Deutschland kommt bei 'Einigkeit und Recht und Freiheit' die Freiheit zuletzt... In dem Masse, in dem der Staat die Freiheit des Buergers beschneidet, daemmt er auch seine Verantwortung ein. Er entzieht ihm also das Vertrauen. Nehmen wir nun wiederrum das gefluegelte Wort von 'Vater Staat' einmal fuer bare Muenze (der Staat uebernimmt in gerader Linie im Ueber-Ich die Repraesentanz der wirklichen Eltern) - so muss man sagen, der Staat entzieht dem Buerger das Vertrauen. Und diesen 'Liebesentzug' raecht der Buerger seinerseits mit mangeldem Verantwortungsgefuehl gegenueber dem Staat. Und - nach dem lex talionis - mit ebenfalls stark verringertem Vertrauen.
Es gibt gewiss gute Gruende, zum Beispiel das Waffengesetz in den USA sehr kritisch zu sehen, dennoch finde ich den Vergleich der zugrundeliegenden Denkweise beachtenswert: In Amerika hast Du die Freiheit, eine Kanone zu besitzen, missbrauchst Du sie jedoch und toetest Jemanden, droht Dir fast immer die Totesstrafe. Der Buerger kommt also in den Genuss eines enormen Vertrauensvorschuss - und traegt somit eine exorbitant hohe Verantwortung.
In Deutschland misstraut der Staat dem Buerger per default (pikantes Detail: Das Waffengesetz der BRD stammt aus 1937 von den Nationalsozialisten, die damit vordergruendig im Sinne hatten, eine moegliche Gegenwehr des Buergers zu eliminieren und das Gewaltmonopol zugunsten des Regimes zu verschieben). Dafuer kann auch ein Moerder hierzulande bei guter Fuehrung oder fehlender Zurechnungsfaehigkeit schon bald auf freien Fusse hoffen.
Dort das eine Extrem - die maximale Freiheit verbunden mit maximaler Verantwortung des Individuums; Hier das andere - die minimale Freiheit des Buergers gekoppelt mit der minimalen Verantwortlichkeit des einzelnen Menschen.
Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um richtig oder falsch; Allein analysieren wollen wir... Schauen wir uns nun mal andere Bereiche an - zB. die Sozialsysteme:
Ueber Jahrzehnte hinweg haben wir gelernt, uns auf den Staat zu verlassen. Er sorgt fuer die Rente, fuer das Gesundheitssystem, die Sozialleistungen, den Arbeitsplatz... Ja, selbst dem Bank- und Postbeamten (die ja alle mal staatlich waren) haben wir blind vertraut. Wie eben ein kleines Kind, dass auf Gedeih und Verderb der Urteil seiner Eltern ausgeliefert ist. Dann kam Schroeder - und mit ihm wurde Alles anders. Er versuchte, das System ansatzweise zu'amerikanisieren'.
Aber haalt! Was passiert, wenn Eltern ihre Kinder ueber Jahre hinweg bevormunden und ihnen so gaenzlich die Moeglichkeit zum 'erwachsen werden' entziehen? Was wird so ein 'Muttersoehnchen' tun, wenn es ploetzlich sich selbst ueberlasssen wird? Nein, erwachsenwerden ist ein langwieriger Prozess - und man braucht dazu auch mehrere Basisgegebenheiten. So muss die Verantwortung stueckweise von den Eltern an die Kinder uebergeben werden - oder glauben Sie, ein Fuehrerscheinneuling sollte am ersten Tag alleine im Ferrari auf die Autobahn fahren?
Dann braucht es indes noch etwas Anderes: Man muss genuegend Moeglichkeiten (Vertrauen und Freiheit) von den Eltern bekommen - es sit ein Witz, dem 'Muttersoehnchen' Verantwortung von heute auf morgen abzuverlangen, waehrend es noch unter der Fuchtel der Mutter steht. Um Kontrolle ausueben zu koennen, muss man sie ersteinmal haben.
So musste der schoene Gerhard dann auch mit seinem Vorhaben klaeglich scheitern (zumindest partiell). Vorallem sollte sich 'Vater Staat' (und Mutter Merkel) mal im Klaren sein, wieviel Eigenverantwortung sie nun vom Buerger wollen - und analog dazu, wieviel Freiheit, Kontrolle und Vertrauen sie den Menschen dafuer zu schenken gedenken (Stichwort: Buerokratieabbau)... Aber haalt: Wer will denn hier schon den erwachsenen, informierten und daher wehrhaften Buerger, der am Ende seine Eigen-Verantwortung - und damit gar noch seine Freiheit - zurueckzufordern gedenkt?!...
Dass wir indes in Deutschland auch auf der microsystemischen Ebene der Familien ein signifikantes Problem haben, das es dem Individuum erschwert, 'erwachsen' im oben beschriebenen Sinne zu werden, sollte auch klar sein. Horst Eberhard Richter hat schon vor langer Zeit in seinem Buch die vaterlose Gesellschaft beschrieben, die nun zunhemens auch zu einer mutterloesen wird. Die Geschlechterdiffusion von Mann und Frau und die damit einhergehende Identitaetskriese der Menschen tragen dazu bei, dass die Familie stueckweise ihre Funktion als 'feste Burg' verliert.
Auf der Strecke bleiben unsere aengstlich verwirrten Kinder, die wie einst Haensel und Gretel umherirren, vorbei an den Glaspalaesten der Banken und Versicherungen in kalten Grossstaetten. Gefangen in der Finsternis des Waldes unserer sterbenden Gesellschaft, auf der Suche nach Waerme, etwas Essbaren und der verlorenen Liebe...
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