Frage an Radio Yerevan: Gibt es einen Generations-Konflikt?
By admin on Oct 23, 2008 | In News, Politik, Wirtschaft, Humor
Frage an Radio Yerevan: Gibt es einen Generations-Konflikt? Antwort: Im Prinzip ja - aber: Kommt ganz darauf an, wo man lebt...
Kaum zu glauben: Es gibt Laender, da ist ein Generations-Konflikt - sieht man einmal von der normalen, evolutionsbedingten oedipalen Rivalitaet ab - nahezu undenkbar. Speziell in Deutschland ist er jedoch allgegenwaertig. Also: Was eigentlich ist dieser ominoese Generationen-Konflikt und was hat ihn ausgeloest? Schlussendlich: Waere es moeglich, dass er jemanden nutzt?
Meine Mutter ist 72 Jahre. Sie hat ihr Leben lang gearbeitet. Am Anfang bei einer Behoerde, dem Vermessungsamt. Danach hat sie sich, als sie mich bekam, selbststaendig gemacht. Das war ihr Fehler. Denn anstatt nun wohlgebettet auf einer satten Pension zu ruhen, sitzt sie nun auf der Mindestrente. Weil sie als Inhaberin eines Zeichenbueros mit nur einem Auftraggeber - naemlich dem Vermessungsamt - bei der Umstellung auf Computerarbeit ploetzlich ohne Auftraege dastand. Die wenigen noch zu erfuellenden Auftraege gab man lieber den im Hause Beschaeftigten, die ja schliesslich noch ihre Haeuser abzahlen mussten (ein Haus gehoerte bei uns dagegen in die Region eines fernen Traumes). Nach heutiger Rechtslage wuerde man dem Auftraggeber wohl die Beschaeftigung von 'Scheinselbstaendigen' unterstellen...
Irgendwann laengere Zeit vor Rentenantritt empfahl dann die staatliche Rentenversicherung meiner Mutter, die Mindestbeitraege nachzuzahlen - damals ein hoeherer 5-stelliger DM-Betrag - um so mittels freiwilliger Mitgliedschaft eine Rentenanwartschaft zu behalten. Dummerweise ist es nun so, dass selbst diese Minimalrente mit der sogennanten Grundsicherung aufgestockt werden muss. Ipso facto erhaelt sie nun den gleichen Auszahlungsbetrag wie jemand, der gar nicht einbezahlt hat (und auch Grundsicherung erhaelt). Haette sie den Betrag in eine private Geldanlage einbezahlt, duerfte die Rendite wohl hoeher ausfallen... -> Bemerkung am Rande: An etwaigen Rentenerhoehungen um sagenhafte 2.irgendwas Prozent partizipieren tut sie auch nicht, denn das wird ja durch entsprechend niedrigere Aufstockungen der Gundsicherung wieder kompensiert.
Ok, das mag nicht repraesentativ sein; Ich habe auch keine Zahlen, wieviele solcher Faelle existieren. Anyway, so, wie sie gibt es viele aus der aelteren (Nachkriegs-) Generation am Existenzminimum leben. Das sind alte Leutchen, die sich durch Flaschensammeln ein paar EUs dazuverdienen. Gut - als Politiker wuerde ich nun sagen: Schau, denen wird wenigstens nicht langweilig. Im Gegensatz zu den besserverdienenden Rentnern, die mit ihrer Zeit nichts mehr anzufangen wissen... Auch eine ganze Menge Leutchen, die dann an Vereinsamung krepieren, weil sich die Erben erst nach dem Abgang fuer sie interessieren.
Auf der anderen Seite der verrosteten Medaille haben wir die Kinder. Kinderarmut hat signifikant zugenommen. Und Kindergaertenplaetze - zumindest die besseren - kann sich auch Otto Normalmissbraucher nicht immer leisten. Kinder verwahrlosen in Armut und in Wohlstand (weil die Eltern always busy sind und ihre Nachzucht lieber dem Onkel PC ueberlassen).
Somit haben wir hier zwar keinen Konflikt - aber Parallelwelten. In anderen Laendern leben bis zu drei Generationen unter einem Dach. Und es ist einfach selbstverstaendlich, dass man einander unterstuetzt. Finanziell, moralisch und auch mit dem, was unsere Wirtschaft so dringend einfordern moechte: Erfahrung. Man hat das Gefuehl, es geht menschlich zu - es waere schlicht eine Schande und ein Zeichen mangelndem Respekt, wenn man Oma oder Opa in die Alten-Verwahrungsanstalt deportieren wuerde. Analog dazu benoetigt man aber obendrein noch weniger Kindergarten-Plaetze, weil die Grosseltern auf ihre Enkel aufpassen. Ich bin mit meiner Oma grossgeworden - und dafuer bin ich unenendlich dankbar. Und ich bin nicht der Einzige.
Was also zum Teufel ist der Konflikt, der die Generationen auseinander dividiert?
Es war einmal eine jungfraeuliche BRD. Diese hat in ihren Gruenderjahren leider einen folgenschweren Irrtum begangen: Damals, nach dem 2. Weltkrieg, gab es annaehernd Vollbeschaeftigung (das grossflaechig organisierte Zerbomben von Haeussern scheint eine ganz probate Arbeitsbeschaffungsmassnahme sein). Ausserdem war Selbststaendigkeit eher ein 'Minderheitenproblem'. Soweit, so gut. Dann aber folgte die Ernuechterung: Ohh scheisse - das Wirtschaftswunder erhoeht ja durch die gesteigerte Geldmenge die Inflationsrate. Und hoppla - die Kassen waren ganz leer... Was also tun, um die Altersrentner und Kriegswittwen zu bezahlen? Da kam dem lieben Onkel Adenauer 1957 eine geniale Idee: Wir bauen uns einfach ein Schneeball-System und legen die eingezahlten Rentenbeitraege (die ja massig vorhanden waren) nicht in einem Einlagen-Fonds an, sondern schieben sie einfach geradewegs direkt durch zu den Zahlungsempfaengern... So, wie man es bei den guten alten dubiosen (und fuer Privatpersonen im uebrigen illegalen) Kettenspielen eben tut. Das ganze nennen wir dann schick 'Umlagenfinanzierung' und 'Generationenvertrag' - 'Stuhl' klingt ja auch gleich viel viel feiner als 'Kacke', gell?! Schmeckt aber immernoch gleich...
Solange immer neue Einzahler ihr Geld reinpumpen, mag das gut gehen... Wenn nun aber ploetzlich durch geburtenschwache Jahrgaenge, hohe Arbeitslosigkeit und nen Haufen Selbststaendiger und Besserverdiener, die aus dem System aussteigen duerfen (ja - warum eigentlich?) die Einzahler ausbleiben... Ja dann... Dann merken die armen Einzahler von damals, die ja zumeist bei 'Rentenversicherung' an etwas wie eine Kapitalanlage denken, dass da gar kein Kapital mehr ist... Wie auch - wurde ja auch gar nix angelegt... Ergo: Das System bricht zusammen. Bei privaten Schneeball-Systemen wuerden jetzt die kleinen gruenen Maennchen mit den Freundschafts-Ringen kommen und den Initiator mitnehmen - geht aber nicht, da der Initiator sogleich auch der Dienstherr der Executice ist...
Nicht so aber bei Vater Staat - der kann ja de facto auch nicht pleite gehen. (Moralisch aber sehr wohl - dass ist jedoch eine andere Geschichte...)
Frage an Radio Yerevan: Wenn man schon von einer Versicherung spricht (was im Wortsinne eine Solidargemeinschaft sein muss), koennte man dann nicht auch wie eine richtige Versicherung handeln - also nicht als Investmentobjekt, sondern als ein Verein, der immer dann in die Bresche springt, wenn Not am Manne ist. Kein Mensch (ok, gibt auch solche Typen, soll aber hier nicht beachtet werden) kein Mensch also wuerde von seiner Feuerversicherung erwarten, dass sie ihm nach Ablauf X ein neues Haus baut, wenn es doch gar nicht gebrannt hat. Das ist ueberhaupt ein folgenschwerer Denkfehler, der uns in unserem Individualismus immer wieder einen Streich spielt: Wir bezahlen Beitraege in einer Solidargemeinschaft nicht um die maximale Rendite oder Verzinsung herauszuholen, sondern wir 'erkaufen' uns damit eine Leistung: Naemlich die Protektion der Gemeinschaft. Das bedeuetet: Wenn - und nur wenn(!) das Schicksal uns ueber gebuehr benachteiligt und wir einen Schaden erleiden, dann springt die Gemeinschaft der Versicherten fuer uns ein. Nicht einfach quid pro quo - sondern solidarisch 'Alle fuer Einen - Einer fuer Alle'.
Wir bedauern dann auch nicht, dass unser Haus nicht abgebrannt ist und wir in den Genuss der Versicherungssumme kamen, sondern wir danken dem Schicksal, dass es uns diesmal verschont hat und goennen unsere einbezahlten Beitraege denjenigen, die sie bitter noetig haben, weil sie nicht soviel Glueck hatten...
Menschen, die heutzutage die Maximalrente bekommen, haben ipso facto ein ueberdurchschnittlich hohes Einkommen gehabt - das ueber ein langes Arbeitsleben. Daher konnten sie zumeist auch Wohneigentum anschaffen, welches ihnen im Alter eine Mietzahlung erspart. Ausserdem war es ihnen zumeist moeglich, eine private Altersvorsorge aufzubauen, die ein zusaetzliches Nebeneinkommen generiert. Nebenbei sei noch erwaehnt, dass Menschen ohne Geldsorgen sowohl psychisch wie physisch gesuender sind als diejenigen mit magerer Kasse.
Warum also bei Rentenerhoehungen nicht sozial-solidarisch handeln und nur die Renten erhoehen, die unter einem Schwellenbetrag liegen (dafuer prozentuell etwas mehr)? Warum nicht Kappungsgrenzen fuer Maximalrenten einfuehren, um so nach und nach umzustrukturieren hin zu einer Einheitsrente mit niedrigeren Beitraegen? Dies kaeme den Aermeren zu Gute - und ebenso den Wohlhabenderen, die den gesparten Beitrag in eine private Vorsorge investieren koennten.
Die gleiche Frage stellt sich analog beim Kindergeld: Warum haben eigentlich Menschen mit ueberdurchschnittlichen Einkommen de jure Anspruch auf Kindergeld? Vielleicht sollte man auch da das Einkommen der Eltern zugrunde legen...
Umverteilung ist nicht kommunistisch - sondern solidarisch. Im Gegensatz zu Gleichbehandlung Aller ohne ansehen derselbigen. Wer alle gleich behandelt ist eben gerade nicht gerecht. Weil alle Menschen zwar gleichwertig sind, nicht aber alle gleich vom Schicksal behandelt wurden. Dieses ist naemlich nicht gerecht.
Ach ja - zurueck zu der Frage: Wem nutzt eigentlich der 'Generationen-Konflikt'?
Antwort von Radio Yerevan: Was glauben Sie denn, was passieren wuerde, wenn sich die Generationen ploetzlich vertrugen und gemeinsam formiert fuer mehr Gerechtigkeit im Staate auflaufen wuerden? Wir wollen doch gewiss kein zweites '1989' - diesmal von der anderen Seite der Mauer.
Gerechtigkeit kann halt (manchmal) auch von 'Rache' kommen...
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