Frage an Radio Yerevan: Ist Porsche fahren unsozial?
By admin on Oct 21, 2008 | In News, Politik, Wirtschaft, Humor
Ich habe vor Jahren einmal in einem Seminar kundgetan: Wir sind nicht nur Opfer der Gesellschaft, in der wir leben, sondern auch Taeter. Soll heissen: Jeder von uns gestaltet jeden Tag seine Umgebung. Oder im Sinne der 'Frankfurter Schule': Man kann gar nicht unpolitisch sein - selbst, wenn man es moechte.
Beispiel: Wir alle suchen staendig mehr oder weniger das 'Schnaeppchen des Tages'. Dazu gehen viele gern zu den Discountern, die all-die Artikel so gern billigst veramschen. Keiner wuerde sich deshalb fuer 'asozial' halten. Tatsache ist jedoch, dass die Geschaeftsmodelle solcher Firmen nur funktionieren, weil sie a-sozial im Sinne des Wortes sind. Sie muessen es sogar sein, wenn sie effektiv sein wollen: Es wird zuerst Druck auf die Hersteller ausgeuebt, den Preis zu senken. Das tun diese dann auch - sei es durch Rationalisierungen, Zeitarbeiter, Lohnkostensenkung, oder am Ende gar Verlagerung ins billigere Ausland.
Es versteht sich von selbst, dass die eigenen Mitarbeiter unserer Discountketten natuerlich auch - na, sagen wir: Ein bestenfalls sub-optimales Verhaeltnis von Zeit und Arbeit erhalten koennen (bei so knapp kalkulierter Marge auch oekonomisch gar nicht moeglich). Viel 'Kaufkraft' kommt da somit von Arbeitnehmerseite nicht raus.
Am Ende unserer verhaengnisvollen Kette stehen zusaetzlich die Verdraengung der Kokurrenz (kleine Mittelstaendler koennen bekanntlich mangels Masse nicht so ausschliesslich ueber die Stueckzahl leben) - und mit steigendem Marktanteil unseres Modelldiscounters erhoeht sich wiederrum der Druck auf alle Beteiligten... Am Ende steht, wenn nicht ein Mono, so zumindest ein Oligopol. Ein 'Circulus Vituosus'.
Zum Glueck gibt es da aber auch andere Firmen: Zum Beispiel ist da eine, die bei der Errichtung ihres neuen Werks in Leipzig auf 20 Mio. EUR Subventionen verzichtet hat mit der Erklaerung, dieses Geld lieber in der Stadtkasse fuer Schulen usw. zu verwenden. (Zur gleichen Zeit hat man in Sindelfingen die Buergersteige hochgeklappt u. die oeffentlichen Baeder geschlossen, weil durch geschickte Verlagerung einer anderen stuttgarter Automobil-Firma die Gewerbesteuereinnahmen derart eingebrochen waren, dass in der Stadtkasse beinahe voellig das Licht ausging...)
Dieselbe Firma hat seit damals zusammen weit ueber 4000 neue Stellen geschaffen. Waehrenddessen hat eine - ebenfalls hochprofitable - deutsche Bank ueberfluessiges 'unwertes Personalgut' einfach 'entsorgt'...
Unsere gegenstaendliche Firma gehoert nun - nebenbei bemerkt - einer Familie, die seit jeher die Solidaritaet nicht bloss ex cathedra predigt, sondern auch aktiv lebt. So reicht es denn Daniell P. auch nicht, vor kurzen ueber 7 Mio Eur fuer den Ausbau einer Schule fuer lernbehinderte und sozial benachteiligte Kinder zu geben, als Musiktherapeut arbeitet er auch mit den Kindern. Wie koennte er auch anders - als Sohn dieser Familie und Walldorfschueler (wie schon sein Vater) ist es fuer ihn selbstverstaendlich, der Gesellschaft, in der er lebt und der er soviel verdankt, auch etwas zurueckzugeben. Er - wie die ganze Familie - weiss eben, dass in Wahrheit die Sache mit dem reinen 'Selfmade-Men' ein Maerchen ist. Selbst ein Dieter B. koennte auf einer einsamen Insel schrammeln und kraechzen soviel er will - er wuerde jaemmerlich verhungern, wuerden nicht soviele Menschen ihr Geld in den Laden tragen und seine CDs erwerben... Fakt ist, auch erfolgreiche Menschen brauchen ein Umfeld, in denen und mit deren Hilfe sie ihren Erfolg generieren koennen.
Man braucht es so wohl auch nicht mehr besonders erwaehnen, dass unsere 'Familen-Firma' ihre Steuern zuallermeist in Deutschland bezahlt - im Gegensatz zu den meisten Forbes top-50 notierten Millionaeren, die ihr Vermoegen zB. unter anderen mittels einer Familienstiftung vor dem Zugriff der 'boesen oeffentlichen Hand' schuetzen und wohl kaum einen Sinn in ihrem Beitrag zur Verantwortung gegenueber der Gesellschaft, der sie zum Gutteil ihr Vermoegen verdanken, zu erblicken scheinen. Wohl moeglich, dass deren Sproesslinge auch nicht auf das oeffentliche Bildungs- oder Vorsorgesystem angewiesen sind - von Solidariteat oder Handelsethik kann hier jedoch keine Rede mehr sein...
Unsere Firma P. weiss, man ist eben auch Vorbild. Und weil man weiss, dass man Verantwortung traegt nicht allein fuer das, was man tut, sondern auch fuert das, was man nicht tut.
Was und von wem wir kaufen, ist eben auch eine Wahl im Sinne der Demokratie; Welche Art von Gesellschaftspolitik wollen wir fuer unser Land in Zukunft?
Wer Porsche mit unsozial gleichsetzt, hat da wohl was nicht richtig verstanden. Allein, das ist - wie immer - eben nur meine bescheidene Sichtweise...
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